Lesser Ury (1861-1931) | Bahnhof Nollendorfplatz bei Nacht, 1925 | Öl auf Lwd.; 72,5 x 102,5

Ury bezog 1901 ein Atelier im Dachgeschoss des Hauses Nollendorfplatz 1, das er bis zu seinem Tod bewohnte. In drei Jahrzehnten entstanden von hier aus zahlreiche Ansichten des Platzes und seiner unmittelbaren Umgebung. Der die Örtlichkeit beherrschende Bahnhof (siehe Kat. 55) ist auf Urys Gemälde als dunkle Silhouette angedeutet. Ein Zug fährt gerade ein, im Vordergrund nähern sich Passanten, während im Hintergrund die Lichter der Häuser auf der Südhälfte des Platzes aufscheinen. Der Blick ist dem Beckmanns entgegengesetzt: Im diagonalen Verlauf der zum rechten Bildrand hinstrebenden Lichterkette ist der Verlauf der Motzstraße zu erkennen, an deren Einmündung in die Kleiststraße von Albert Fröhlich 1906 das Theater am Nollendorfplatz (heute: Metropol) errichtet worden war. In Urys Ansicht, die sich weder von den zur Entstehungszeit des Bildes bereits abklingenden expressiven noch von den aktuellen neusachlichen Strömungen berührt zeigt, vollzieht sich die Quintessenz eines höchst individuellen Werkes, das die nächtliche Stadt als Mysterium begreift. Die Perspektive des „Von oben herab“ mit entsprechender Distanz zum Bildgegenstand entspricht dabei der zunehmenden, selbst gewählten Isolation des alternden Künstlers, welche in pathologischem Misstrauen gegen seine Umwelt mündete.

Gemälde II, Farbtafel S. 255

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