12.07.2018

Der Audioguide der 1930er Jahre

Wie Walter Stengel die Schallplatte ins Märkische Museum brachte

Der 12. Juli 1946 war der Tag der Wiedereröffnung des Märkischen Museums nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Objekte waren in dessen Folge verloren gegangen, sodass der damalige Direktor Walter Stengel die Berlinerinnen und Berliner dazu aufrief, dem Museum Ersatz für die im Krieg verlorenen Schätze zu spenden. Dazu bediente er sich unter anderem einer Technik, die er als erster fürs Museum nutzbar gemacht hatte: der Schallplatte!

Zum Jahreswechsel 1930/31 sorgte das Märkische Museum mit einer besonderen Innovation für Schlagzeilen. Die Berliner Morgenpost jubelte am 8. Januar 1931: „Premiere für Berlin, für Deutschland, ja für alle Welt… Das Märkische Museum beehrt sich darzubieten: Führung durch seine Räume auf Schallplatten“!

Vorläufer des Audioguides

Schallplatten wurden im Märkischen Museum erstmals Ende 1930 eingesetzt. Sie dienten als Ausstellungsführer, ähnlich wie Audioguides heute. Das Stadtblatt, eine Beilage zum Berliner Tageblatt, schrieb dazu am 25. Dezember 1930: „Das Märkische Museum […] schenkt den Berliner zu Weihnachten eine ausgezeichnete Neuerung: die Schalplattenführung durch die Museumsräume. Damit beginnt eine grundlegende Umwälzung. Bald wird die vom Fachmann besprochene Platte aus Museen und Schlössern jene oft ironisierten, biederen Begleitmänner verdrängen, deren Randbemerkungen durch keinerlei Sachkenntnis getrübt waren.“

Das Fontane-Zimmer im Märkischen Museum, 1908 © Stadtmuseum Berlin

Ziel der neuen Technik war es also zu verhindern, dass unkundige Aufsichtskräfte dem Publikum falsche Auskünfte zur Ausstellung und den darin gezeigten Objekten gäben. Bedienen durfte das Aufsichtspersonal die Plattenspieler aber schon:  „Die Platten, die ohne Lautsprecher verständlich sind und auf Wunsch sehr langsam gestellt werden können, laufen 5 bis 6 Minuten und haben eine Lebensdauer von 100 Führungen, nach denen sie durch neue ersetzt werden“, so das Stadtblatt. Besprochen hatte sie alle Walter Stengel selbst, denn er galt als „kenntnisreicher Wegweiser im Labyrinth der internationalen Objekte“, dessen Stimme „seine Plattenführung besonders sympathisch macht“.

Die Tonaufnahmen leiteten die Besucherinnen und Besucher des Märkischen Museums durch fünf Räume, darunter das hier abgebildete Fontane-Zimmer. Detailliert wurden die ausgestellten Möbel und Ausstattungsstücke aus dem Besitz des Dichters erläutert. Den Berlinerinnen und Berliner gefiel es: „Das Publikum hat sich mit der ansprechenden Neuerung sofort befreundet und folgt aufmerksam dem Führer aus Hartgummi [der Schallplatte, die Red.], der sich in einem Gehäuse dreht, das dem Gesamtbild des zu erläuternden Raumes würdig angepasst ist“, urteilte die illustrierte Berliner Zeitschrift Der Tag am 27. Dezember 1930.

Originales Tondokument von 1948

Auch nach dem Krieg nutzte Walter Stengel weiterhin Schallplatten. Ein im Hausarchiv des Stadtmuseums Berlin erhaltenes Tondokument aus dem Jahr 1948 wurde im Foyer des Märkischen Museums abgespielt, sobald Besucher eintraten, um sie zum Spenden von Objekten zu animieren.

Walter Stengel war von 1925 bis 1952 Direktor des Märkischen Museums. Neben der Einführung von Schallplatten zur Besucherinformation ist ihm auch die Einführung elektrischer Beleuchtung im Märkischen Museum im Jahre 1928 zu verdanken – gegen den Widerstand von Architekt Ludwig Hoffmann, der ein „Tageslichtmuseum“ frei von künstlicher Beleuchtung entworfen hatte.

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