31.01.2018

Verschlungene Wege

Neues Buch über spannende Fälle aus der Provenienzforschung

Bereits seit der Gründung im Jahr 1995 betreibt das Stadtmuseum Berlin Provenienzforschung – seit nunmehr zehn Jahren systematisch. Aus diesem Anlass hat Autor Andreas Bernhard, Provenienzforscher beim Stadtmuseum Berlin, die spannendsten Fälle in einem Band zusammengestellt, darunter gelöste wie ungelöste Fälle.

In „Verschlungene Wege – Sammlungsobjekte und ihre Geschichte“ schildert er die oftmals detektivische Arbeit, die notwendig ist, um die Herkunft oder den Verbleib von Objekten aus den Sammlungen zu klären: Manche gelangten zwischen 1933 und 1945 durch nationalsozialistische Verfolgungsmaßnahmen in den Museumsbestand, andere gingen infolge der Wirren des Zweiten Weltkriegs verloren.

Rätsel um Neorokoko-Tisch

Was bedeutet zum Beispiel die handschriftliche Notiz „abgesandt Paris 13. [?] VII. 43. DRB 74“ auf einem Tisch im Stil des Neorokoko, der sich in der Möbelsammlung des Stadtmuseums Berlin befindet? Könnte es sich bei dem Möbelstück um Raubkunst handeln? Die Aufschrift lässt vermuten, dass der Tisch im Zweiten Weltkrieg von Frankreich nach Deutschland transportiert worden ist.

Handschriftlicher Vermerk an der Innenseite des Neorokoko-Tisches © Stadtmuseum Berlin

Tatsächlich steht „DRB 74“ für einen Transport der Deutschen Reichsbahn aus dem Jahr 1943. Möglicherweise wurde der Tisch im Rahmen der sogenannten „M-Aktion“ erbeutet. Bei dieser großangelegten Raubaktion der deutschen Besatzer wurde ab 1942 unter anderem in Frankreich Mobiliar aus Wohnungen Inhaftierter oder Verschleppter beschlagnahmt – oft jüdischer Herkunft oder im Verdacht, für die die Résistance im Widerstand tätig zu sein.

Großangelegte Raubaktion

Die „M-Aktion“ war die größte nicht-militärische Transportaktion während des Krieges. 71.619 Wohnungen wurden ausgeräumt – fast so viele, wie heute der Berliner Ortsteil Moabit umfasst. In 29.436 Eisenbahnwaggons mit dem ungeheuren Transportvolumen von über einer Million Kubikmetern wurden die Möbel nach Deutschland überführt. Die geraubten Möbel erhielten Deutsche, die ihre Wohnungen bei alliierten Bombenangriffen verloren hatten. Auch Museen und Repräsentationsräume des nationalsozialistischen Regimes wurden mit den Möbeln ausgestattet.

Der Tisch stand wahrscheinlich im im Reichsbank-Gebäude am Werderschen Markt (heute Auswärtiges Amt). Dort hatte das Ministerium für Finanzen der DDR seinen Sitz, das den Tisch –  der neben der Versandnotiz die Initialen „RB“ und eine Inventarnummer trägt  – im Jahr 1952 zusammen mit weiteren Möbeln in den Bestand des wiedereröffneten Märkischen Museums übergab.  

Die genaue Herkunft des Tisches und seine Geschichte vor 1943 bleiben bisher im Dunkeln. Doch vielleicht haben die Leserinnen und Leser Hinweise, die zur Klärung von diesem und weiteren ungelösten Fällen aus dem neu erschienenen Band führen.

Verschlungene Wege – Sammlungsobjekte und ihre Geschichte
Andreas Bernhard, Verlag M, ISBN 978-3-939254-38-6, Preis 12,50 Euro
Weitere Informationen und Bestellung unter www.verlag-m.de

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Kontakt

Andreas Bernhard

Provenienzforschung

030 353 059 890
Foto der Lithografie Schüsse am Brandenburger Tor von Ernst Stern aus dem Jahr 1919
Stadtteil Mitte
Sa | 27.04. | 14 Uhr
Chaos, Kämpfe, Republik

Stadtspaziergang
Die lange Revolution vor hundert Jahren

Publikation mit Berlin-Fotografien von Harry Croner aus den Jahren 1937/1947
Publikation
Verlag M
Berlin 1937/1947

Fotografien von Harry Croner
ISBN 978-3-939254-42-3, Preis 19,90 Euro