Stadt im Wandel | Cornelia Wermuth

Der Sprengelkiez im Wedding

So vielfältig ist Berlin: Vier Jahre habe ich im Wedding gelebt, von 2011 bis 2015. Bunt, etwas schmuddelig, liebenswert, nervig. Ein Bezirk der sich stark verändert hat in diesen vier Jahren. Ich lade ein zu einem Spaziergang im Viereck zwischen Nordufer, Pekinger Platz, Torfstraße, Sprengelstraße und Samoastraße. Wir beginnen den Rundgang und biegen von der Samoastraße rechts ins Nordufer ein. Für Autos ist hier gesperrt. Wir stehen auf dem Pekinger Platz. Die Straße gehört den Kindern vom rechts gelegenen großen Spielplatz, den Skatern, Radlern, Joggern und Spaziergängern. Einige Bänke laden zum Abschalten, Zeitunglesen oder zum Schwätzchen ein. Links gibt es einige seltsam anmutende Geräte, die zum Ausprobieren und Bewegen einladen und von Kindern wie Erwachsenen genutzt werden. Dahinter geht es die Böschung hinunter zum Kanal. Auch dort unten sind Sitzplätze. Ein paar Junge Leute haben sich dort niedergelassen und machen Musik. Kurz vor der Abbiegung zur Torfstraße steht rechts zwischen Bäumen ein “Café Achteck“ – so sagt man hier zu einer „Bedürfnisanstalt“. Und dahinter zwei Cafés nebeneinander, das „Auszeit“ und das Fünfundsechzig“. Alle Stühle und auch die Hollywoodschaukel sind besetzt, die Bedienungen schleppen Tabletts. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der hier einmündenden Torfstraße noch ein Lokal mit Biergarten, der „Deichgraf“, Studentenkneipe mit langer Tradition. Wir biegen rechts in die Torfstraße ein. Hier begegnen uns viele Afrikaner. Auf der linken Straßenseite einige afrikanische Läden. Aber auch viele Menschen mit türkischer und arabischer Herkunft leben hier im Kiez und haben an der nächsten Ecke eine Moschee. Dort wenden wir uns rechts in die Sprengelstraße. Auf der linken Straßenseite gibt es wunderschöne alte Backsteinhäuser zu bestaunen und rechts wird es grün: Wo zwischen 1928 und 1945 Flugzeuge gebaut wurden, entstand vor einigen Jahren der Sprengelpark. Ein großes Gelände, das nach dem Krieg lange brach gelegen hatte, wurde sehr schön zu einem Park für die Menschen hier im Kiez ausgebaut: viel grün, ein großes Piratenschiff als Klettergerüst, in den Boden eingelassene Trampoline, ein Basketballkorb, Tischtennisplatten, Bänke – für jeden ist etwas dabei. Und so ist der Park auch immer gut bevölkert. Vormittags die Kita-Gruppen, nachmittags die Familien und abends, wenn es dunkel wird, wird der Park zum Treffpunkt für die Jugendlichen, die mit ihrem Lachen und Kreischen, ihrer oft lauten Musik den die ringsum liegenden Häuser beschallen. Wenn wir dahinter rechts wieder in die Samoastraße einbiegen, sehen wir auf der gegenüberliegenden Seite, Sprengel-/Ecke Samoastraße, die Osterkirche. Die Gemeinde bringt sich sehr aktiv mit verschiedenen Angeboten in den Kiez ein: eine Trommelgruppe, eine große Kita, Gospelworkshops, Klezmerkonzerte, Gesprächsgruppen und vieles mehr werden angeboten. Sonntags nachmittags trifft sich hier eine afrikanische Gemeinde. Es ist sehenswert, wie sie zum Gottesdienst kommen: Die Frauen in ihren bunten afrikanischen Kleidern mit riesigen Turbanen auf dem Kopf, die Mädchen mit Haarschleifen und in Rüschenkleidchen, die Männer meist mit dunklen Anzügen. Alles sieht sehr feierlich aus und bald hört man aus der Kirche trommeln und laute afrikanische Loblieder. Eingangs erwähnte ich, dass dieses Stückchen Wedding sich in den letzten Jahren merklich verändert hat. Immer wieder sieht man Baugerüste. Viele Häuser werden saniert und modernisiert, innen wie außen. Die Mieten steigen, einige Anwohner werden sich das über kurz oder lang nicht mehr leisten können. Die Veränderungen, die sich anbahnen, werden auch sichtbar durch Geschäfte, die sich hier niederlassen. Immer wieder öffnen Cafés im Umfeld, und seit ein paar Monaten gibt es eine Chemische Reinigung, einen Ökoladen mit Café – und einen Blumenladen!

Hochgeladen: 19.03.2016
< Zurück zur Übersicht

Kategorie

Stadt im Wandel

Zeitpunkt

01.08.2013 (geschätzt)

Ort

52.5417528
13.354777300000023
Karte vergrößern
Besonderer Ort
Cosima
Richardson
Augenzeugenbericht
Heike
Schwarz
Augenzeugenbericht
Herbert
Liman