Besonderer Ort | Marina Stojakovic

Ein Glückwünsch ans Stadtmuseum Berlin zum 20. Geburtstag

Als ich im Jahre 2009 das erste Mal durch das Brandenburger Tor in Berlin schritt, und zwar, wie es sich gehört, durch den großartigen Abschluss der Straße unter den Linden, einem Tor also, dem vom ersten Tag seiner Entstehung das Schicksal der Grenze beschieden war, einer Symbolkraft des Sieges, weil es jedes große Ereignis der politischen Geschichte passieren lassen hat, einem Wahrzeichen der Stadt, hatte ich einen ganz besonderen Begleiter. Oder besser gesagt, Führer. Ein philosophisch gebildeter Ingenieur, ein Mann außerordentlich starken Charakters und eiserner Entschlusskraft, der das Pragmatische wie das Ästhetische gleichermaßen zu schätzen weiss, gab mir ein Rätsel zu lösen, als ich im Torhaus die Skulptur des römischen Kriegsgottes Mars erblickte. Ich denke an Schadow, der dies damals erbaute und nicht die blasseste Ahnung hatte, dass dieser Bau auf bestem Wege ist, eine große Kunstepoche zu eröffnen, welche dem Olymp gebührt hätte, und dass Mars viele Gründe haben wird, sich in diesem Torhaus zu Hause zu fühlen. So wie so ziemlich jeder, der nach Berlin kommt. Nur nachvollziehen kann es nicht wirklich jeder. Ich werde also gefragt, und ich fühle mich vor eine Prüfung gestellt, von meinem erudierten Ingenieur, wie Schadow das Problem gelöst hat, dass sein Mars nicht als Kind des Krieges, sondern des Friedens erkannt wird. Unwillkürlich greife ich mit meiner rechten Hand wie nach einem Schwerthalter. Und bemerke dabei den Unterschied. Meine Hand will den Griff des Schwertes der Länge nach umklammern, die Hand des Gottes ruht mittig auf seiner Spitze. Wie nahe sich Gegensätze sein können, wie überraschend das Rad des Glücks sich dreht, wie unvorhersehbar das Leben ist. Hätte der Schneidermeister und Herzvater Schadows einen italienischen Bildhauergesellen seine Schneiderschulden nicht so begleichen lassen, dass er seinen begabten Sohn als Gegenleistung unterrichtete, hätte er also die günstige Gelegenheit nicht genutzt, hätte man von Shadow wohl nicht in der Bildhauerwerkstatt erfahren, und der vierzehnjährige Junge wäre nicht mit der Familie des Hofbildhauers bekannt geworden, die für sein weiteres Schicksal bestimmend war. Hätte zwei Jahrhunderte später ein Berliner Intellektueller und Kneipeninhaber die zu seinem nicht geringem Erstaunen so eifrige und belesene Kellnerin nicht mit seinem alten Freund, einem erfolgreichen russischen Maler mit kuriosen Ideen, bekannt gemacht, hätte sie wohl nicht die Ehre gehabt, am Kopf einer Tafel mit einigen Personen einer der bedeutendsten Stiftungen Berlins zu sitzen. Sie musste unwillkürlich an ihre erste Begegnung mit dem Brandenburger Tor denken und fühlte sich diesmal, anstatt vor Mars, vor das Rätsel der Minerva gestellt. Wie ironisch die Geschichte mit den Menschen umgeht. Oder nein, das Leben. Denn von den Menschen hängt ab, ob sie ihrer Geschichte erlauben, ironisch zu sein. 1995 war in Berlin alles im Zeichen der Vereinigung, während in einem Land im Herzen Europas zur gleichen Zeit ein Frieden geschlossen wird, der nur lähmend und verzehrend wirken wird, weil es keinen Sieger gibt. Und weil es kein Gedächtnis gibt. In Berlin sieht das anders aus. Berlin hat aber auch sein Brandenburger Tor. Und seine Stiftungen.

Hochgeladen: 14.07.2015
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Kategorie

Besonderer Ort

Zeitpunkt

13.07.2015

Ort

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