Augenzeugenbericht | Jörg Sundermeier, Jahrgang 1970

Von Gott verarscht

Ich war nicht betrunken, mir war nur nicht wohl gewesen, und daher entschied ich, einen Nachtspaziergang zu machen. Ich ging durch die Straßen und genoß die Stille, hörte dann irgendwann die ersten Vögel zwitschern und hatte wohl ein paar Kilometer zurückgelegt. Mir war besser, ich wollte nach Hause gehen. Da stand er dann. Zuerst war er mir gar nicht aufgefallen, doch je näher ich kam, desto mehr zog der Stuhl meine Aufmerksamkeit auf sich. Dabei war es überhaupt kein besonderer Stuhl, ohne Bezüge, roh, ein schlichter alter Holzstuhl. Nein, die Besonderheit war nicht der Stuhl selbst, sondern sein Stehen in dieser Umgebung. Er stand nicht wie Sperrmüll am Straßenrand, sondern mitten auf dem Bürgersteig. Ich sah mich um, doch nirgendwo war ein Umzugswagen oder ein vollgepackter PKW zu sehen. Keine Haustür stand offen. In keiner Wohnung war Licht. Zusammenhänge waren nicht herstellbar. Nun, der Stuhl jedenfalls stand einfach so da und – sofern ein Stuhl das kann – lümmelte herum. Die Straße war leer. Der Gehsteig ebenso. Ich schaute irritiert zum Stuhl hin. Er machte keinen Sinn. Dass jemand den Stuhl vergessen hatte, war unwahrscheinlich, dass jemand diesen Stuhl hier mit Absicht hingestellt hatte, war zu bezweifeln. Ersteres kam einfach nicht in Frage, stand doch der Stuhl zu deutlich in der Mitte von allem, letzteres nicht, weil so ein Stuhl in Berlin binnen einer Viertelstunde geklaut oder zerstört worden wäre. Verschenken? Nicht so einen Stuhl! Also: Ich musste handeln. Sinn musste her. Darum setzte ich mich auf den Stuhl und wartete. Nichts geschah. Ich wartete vielleicht eine Viertelstunde. Niemand kümmerte sich um mich. Die Wohnungen blieben unbeleuchtet, die Türen verschlossen, die Straße verlassen. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, mich zum Narren zu machen. Ich ging. Und fühlte mich – nun ja – von Gott verarscht.

Hochgeladen: 23.10.2013
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Kategorie

Augenzeugenbericht

Zeitpunkt

09.05.2000 (geschätzt)

Ort

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