08.03.2020

Helga Goetze (1922 – 2008)

Eine Berliner Künstlerin im Dienst der Frauenrechte

Es gibt Dinge, Situationen, Orte und Menschen, die aus der kollektiven Erinnerung nicht wegzudenken sind. Dazu gehört auch die ab 1983 in Berlin lebende Helga Goetze, eine Berliner Institution, die für die Frauenrechte bewusst provozierend eintrat. Zum Internationalen Frauentag am 8. März erinnern wir an die 2008 verstorbene Künstlerin.

Mit ihrem Geburtsjahr 1922 gerade noch der untergegangenen Kaiserzeit und deren Wertvorstellungen zuzurechnen, verbrachte Helga Goetze die erste Hälfte ihres Lebens eher unauffällig als  Hausfrau und Mutter von sieben Kindern in Niedersachsen. Ihrer Leidenschaft, dem Sticken von Bildern, in denen sie Alltägliches verarbeitete, folgte sie aber schon damals. So schildert ein Zyklus aus 24 Bildteppichen von 1963 die Weihnachtszeit in der Familie Goetze. Jeder der wie Kalenderblätter aneinandergereihten Tage des Advent ist darin einem besonderen Ereignis gewidmet: Mal ist es das gemeinsame Basteln von Weihnachtslaternen, mal die Aufführung eines Märchens im Kindergarten. Die heile bürgerliche Welt spiegelt sich darin, aber auch das patriarchalisch aufgebaute Lebensgebäude, aus dem Helga Goetze im Alter von Mitte vierzig ausbricht. 

Forderung nach Gleichberechtigung

Waren es zunächst erste eigene sexuelle Erfahrungen mit einem jüngeren Mann, die sie ihre Gefühle neu erfahren ließen, begann sie doch zunehmend die gesellschaftliche Verteilung bzw. Zuweisung von Aufgaben und die Festlegung auf Geschlechterrollen in Frage zu stellen. Sie selbst bezeichnete diesen Prozess als „Erwachen“. Und wie in einem Tagebuch begann sie ihre zunehmend kritischer werdenden Beobachtungen in gestickten Bildgeschichten festzuhalten, Stich um Stich. In ihrer Familie und in ihrer Ehe verstärken sich die Konflikte, trafen ihre Forderungen auf mehr Gleichberechtigung und Umverteilung der klassischen Rollen auf Widerstand und Unverständnis. Es kam zum Bruch und für sie zu einer Befreiung, die 1983 in den Umzug nach Berlin mündete.

West-Berlin war damals die einzige Stadt im westlichen Teil des geteilten Deutschland, in der das Anderssein und das Andersdenken zur Lebensphilosophie gehörte. Je ungewöhnlicher, desto besser, je schräger, desto schöner. Helga Goetze traf hier mit ihren Forderungen nach Gleichberechtigung der Frau in Beruf, Partnerschaft und Gesellschaft auf viele Gleichgesinnte – und wurde durch ihre beinahe täglichen Performances am Ernst-Reuter-Platz vor der TU und später am Breitscheidplatz vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu einer öffentlich bekannten Persönlichkeit.

Aufmerksamkeit durch Provokation

Ihre Botschaften, aber auch ihre Beobachtungen flossen dabei in ihre Stickbilder ein, die sie vor Ort fertigte und über deren Bildmotive sie rasch ins Gespräch mit den Passanten kam. Ihr markantes Motto prägte sich allen ein, weil es anstößig wirkte und so empfunden wurde: Ficken für Frieden! Aber genau das wollte sie ja auch erreichen: durch Provokation Aufmerksamkeit für ihr eigentliches Thema erhalten, die längst überfällige Gleichberechtigung der Frau. Noch heute fallen beim Betrachten ihrer Stickbilder Situationen auf, in denen dieses Ziel nicht erreicht ist, weil Frauen immer noch verdrängt werden oder zugunsten ihrer Familienplanung auf die eigene Karriere verzichten.

Die 2020 am Stadtmuseum Berlin gegründete Stiftung der Frauenaktivistin und Feministin Helga Goetze (umfasst rund 280 stilistisch einzigartige Stickbilder unterschiedlicher Formate und rund 300 Grafiken, teils Vorzeichnungen, mit feministischen Botschaften und außergewöhnlichen kulturgeschichtlichen Aussagen. Die Arbeiten reichen von den frühen 1970er bis in die 1990er Jahre.