Gisèle Freund (1908 – 2000)

Lebensreise in Bildern

Gisèle Freund, Berliner Fotografin mit jüdischen Wurzeln, ist vor allem durch einfühlsame Fotoreportagen und Portraits von Persönlichkeiten aus Kunst und Politik bekannt geworden. Von den Nationalsozialisten zur Emigration gezwungen, führte sie ihr Lebensweg von Berlin nach Frankreich, Süd- und Mittelamerika und von dort erst spät wieder zurück nach Berlin. Zeit ihres Lebens blieb sie eine Reisende in Sachen Fotografie.

Studium und Flucht

Am 19. Dezember 1908 wird Gisèle Freund als Sophia Gisela Freund in Berlin-Schöneberg geboren. Geprägt von ihrem Vater, dem jüdischen Berliner Unternehmer und Kunstsammler Julius Freund, entdeckt sie schon früh ihre Liebe zur Kunst, insbesondere zur Literatur und zur Fotografie. Zudem begegnet sie in ihrem gutbürgerlich geprägten Elternhaus bereits in jungen Jahren prominenten Vertretern der gebildeten Berliner Gesellschaft, darunter Albert Einstein, Kurt Tucholsky und Walter Benjamin.

Nach der Mittleren Reife und dem Besuch einer Hauswirtschaftsschule macht die junge Frau 1928 gegen den Willen ihrer Eltern an der Waldschule Eichkamp in Charlottenburg ihr Abitur. Im Jahr darauf beginnt sie  ihr Studium der Soziologie und Kunstgeschichte. Angeregt von ihrem Mentor, dem Soziologen Norbert Elias, widmet sich Freund dabei ab 1930 verstärkt der Fotografietheorie und absolviert ein Gastsemester an der Pariser Sorbonne. Doch ihr politisches Engagement und ihre Beteiligung an Studentenprotesten am Studienort Frankfurt am Main erregen den Zorn der inzwischen herrschenden Nationalsozialisten. Durch Flucht nach Paris entzieht sie sich Ende Mai 1933 der drohenden Verhaftung.

Die Reise geht weiter

In Paris setzt Freund ihr Studium fort. Schon 1934 eröffnet sie dort ein Fotostudio, doch da sie bei ihren Portrait-Arbeiten Retuschen und Posieren ablehnt, gestaltet sich der Anfang schwer. 1935 promoviert sie summa cum laude über die französische Fotografie des 19. Jahrhunderts, im Juni erhält sie durch eine Scheinehe mit einem Franzosen die französische Staatsbürgerschaft. Als Gisèle Freund veröffentlicht sie in den folgenden Jahren viel beachtete Fotoreportagen, unter anderem für das Life-Magazin, und vervollkommnet ihre Fertigkeiten in der Portraitfotografie. Doch schon 1940 findet dieser Lebensabschnitt ein jähes Ende: Nach dem Sieg Hitler-Deutschlands über Frankreich und der Besetzung der nordöstlichen Landesteile durch die Wehrmacht muss sie erneut vor den Nationalsozialisten fliehen.

Während ihre Eltern und ihr Bruder sich für das Exil in England entscheiden, flieht Gisèle Freund über Südfrankreich im Jahr 1941 nach Argentinien, wo sie an ihrer Karriere als Fotografin weiterarbeiten kann. Ihre Reportagen aus allen Teilen Mittel- und Südamerikas machen sie zu einer international gefragten Fotografin, die viele Prominente portraitiert, darunter das Künstlerpaar Diego Ribera und Frida Kahlo.

Internationale Aufmerksamkeit erregt sie 1950 durch eine Fotoreportage über Präsidentengattin Eva „Evita“ Péron, welche die Frauenrechtlerin und vermeintliche Wohltäterin der Armen als glamouröse Diva mit Sinn für Luxus offenbart. Die entlarvenden Bilder werden zum Skandal und Gisèle Freund sieht sich gezwungen, auch Argentinien wieder zu verlassen.

Spätes Wiedersehen mit Berlin

Gisèle Freund, Selbstportrait © IMEC, Fonds MCC, Vertrieb bpk | Foto: Gisèle Freund

Nach einem Intermezzo in Mexiko kehrt Gisèle Freund 1953 nach Paris zurück. Hier arbeitet sie ab 1954 für illustrierte Zeitschriften in Frankreich und Deutschland, das sie jedoch erst 1957 zum ersten Mal nach ihrer Emigration wieder besucht. In den Folgejahren entstehen verschiedene Reportagen über Kriegszerstörungen, die Teilung Berlins und kleinbürgerlich-spießige Adenauer-Gefolgsleute. 

In zahlreichen Einzelausstellungen wird ihr fotografisches Werk ab 1968 in vielen Teilen der Welt gewürdigt, aber ab 1970 arbeitet Gisèle Freund nur noch vereinzelt als Fotografin. So erhält sie 1981 den Auftrag für das offizielle Portrait des neuen französischen Staatspräsidenten François Mitterand. Darüber hinaus bekleidet sie über viele Jahre verschiedene Ehrenämter. 1977 wird sie Präsidentin der Fédération Française des Associations des Photographes Créateurs, 1991 sogar zur Ritterin der französischen Ehrenlegion ernannt. Am 31. März 2000 stirbt Gisèle Freund 91-jährig in ihrer Wahlheimat Paris.

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