20.05.2026

Tapetenwechsel – Migration und Mobiliar seit 1960

   
Plakat-Motiv zur Ausstellung: Soula Palatianou in ihrer ersten eigenen Wohnung in Essen-Kettwig, 1970er Jahre
© Agentur für Geistige Gastarbeit, Bonn | Gestaltung: Groupe-Dejour

Ab 22. Mai 2026 präsentiert das Stadtmuseum Berlin die neue Sonderausstellung „Tapetenwechsel – Migration und Mobiliar seit 1960“ im Museum Ephraim-Palais. Die Schau widmet sich entlang ästhetischer und sozialer Fragen dem Wohnen in der Einwanderungsstadt, der „Arrival City“, insbesondere in Berlin: Wie richten sich Menschen im Provisorium ein? Wie zeigen sich anhand von Einrichtungs- und Geschmacksfragen auch Niederlassungsprozesse?

Wohnen ist eine Grundkategorie menschlicher Existenz. Es ist ein Speicher für Erinner -ungen, ein Medium der Selbstverortung. In der Migration wird das Wohnen prekär, geprägt von Aufbrüchen und Ankünften, Provisorien und Improvisationen.
Bei Kriegsende 1945 war in Deutschland ein erheblicher Teil des Wohnraums zerstört. Die Arbeitsmigrant:innen der 1950er bis 1970er Jahre mussten nach ihrem „Tapetenwechsel“ manchmal auf Parkbänken schlafen, in Gartenhäuschen, Baracken und ehemaligen Zwangsarbeiterlagern. Die Ära der sogenannten Gastarbeit war gekennzeichnet von Stacheldraht-umzäunten Wohnheimen, abbruchreifen Häusern und beengten Räumen. Aber auch die Wohnheime der DDR-Vertragsarbeiter:innen der 1980er Jahre oder die Unterkünfte für Asylbewerber:innen der 1990er Jahre lassen sich als ein Wohnen im Unbehausten, im Unheimischen charakterisieren.
 
Migration bedeutet immer auch: ein Zimmer einrichten, einen Tisch aufstellen, eine Gardine anbringen. Doch das Sofa, der Fernseher, die Schrankwand, der Gummibaum sind nicht einfach beliebige Gegenstände, sondern Kennzeichen von sozialen Verhältnissen. In Mietverträgen, Briefen oder der Hausordnung wird die politische Dimension des Wohnens sichtbar. Auf dem Wohnungsmarkt eine eigene Wohnung zu finden ist für Migrant:innen bis heute eine große Anstrengung. Mit der Zuzugssperre in den Bezirken Kreuzberg, Tiergarten und Wedding wollte der Berliner Senat ab 1975 die weitere Ansiedlung von Migrant:innen verhindern. Gegen die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt wehrten sie sich, zum Beispiel durch Besetzungsaktionen und „Häuserkämpfe“. Als nach der Wiedervereinigung deutsche Behörden ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter:innen aus ihren Wohnheimen holten, um sie abzuschieben, kämpften diese um ihr Bleiberecht.

Geschichten vom Ankommen, Erinnern und Neuerfinden

Die Ausstellung „Tapetenwechsel“ fragt nach dem Wohnen in der Migration, aber auch nach der (Ein-)Gewöhnung in der Ankunftsstadt. Im Wohnzimmer sammeln sich geliebte Dinge, sie werden in Vitrinen ausgestellt. So wird die Wohnung zur Bühne für Selbstrepräsentation und Ausdruck ästhetischer Vorlieben. Was macht ein Zuhause aus? Was braucht es für die eigenen vier Wände? Wie wird ein Ort zum privaten, intimen, geschützten Raum? Wie beheimatet man sich? Welche Rolle spielt dabei Gemütlichkeit oder Geschmack? Und warum sind gerade Privaträume das Ziel rassistischer und rechtsradikaler Angriffe, wie in Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen?
 
Mit ihrem Einleben werden Migrant:innen nicht einfach zu Einheimischen, sondern zu „Mehrheimischen“. Die Sonderausstellung versteht die besichtigten Wohnungen auch als „Showcases” dieses Bewusstseins von „hier“ und „dort“. „Tapetenwechsel“ verbindet atmosphärisch Fotografien und Objekte, künstlerische Arbeiten von Vlassis Caniaris, Ahu Dural, Ekin Su Koç, Hakan Savaş Mican, Sung Tieu und Kiriakos Tompolidis mit literarischen Texten von Emine Sevgi Özdamar und Dinçer Güçyeter zu einer vielstimmigen, essayistischen Erzählung. Der Schwerpunkt der Hausbesuche liegt auf Berlin; gleichzeitig stößt die Schau Fenster zu anderen Orten in Deutschland auf.
 
Die Ausstellung „Tapetenwechsel“ ist Teil eines Themenschwerpunkts am Stadtmuseum Berlin zur Geschichte der Migration. Dazu gehört auch die am 10. September 2026 beginnende Ausstellung „Geteiltes Leben“, ebenfalls im Museum Ephraim-Palais. Sie präsentiert künstlerische Arbeiten im Kontext von Migration und Exil seit den 1970er Jahren.
 
Gast-Kurator:innen: Burcu Dogramaci und Manuel Gogos