Hans Baluschek: Großstadtwinkel, Berlin 1929
© Stadtmuseum Berlin

Hans Baluschek & Carel Willink – Kunst für das Volk

Mit der Ausstellung „Hans Baluschek & Carel Willink – Kunst für das Volk“ rückt das Museum Arnhem den Berliner Künstler Hans Baluschek (1870 – 1935) in den Fokus. Zu sehen sind mehr als 30 Gemälde und Grafiken aus dem großen künstlerischen Nachlass, den das Stadtmuseum Berlin seit 1947 bewahrt.

von Melanie Huber

Ausstellung: 26.2. – 25.6.23

Seine aufrüttelnde Kunst, sein sozialkritischer Blick und seine Rolle als Initiator kommunaler und staatlicher Förderprogramme für Künstler:innen vor hundert Jahren haben Hans Baluschek über die Berliner Grenzen hinaus bekannt gemacht. Der 1870 in Breslau (Wrocław, Polen) geborene und ab 1876 in Berlin lebende Künstler ist in den Niederlanden noch weitgehend unbekannt. Nun widmet das Museum Arnhem dem Lehrer des dort wiederum recht bekannten niederländischen Künstlers Carel Willink (1900 – 1983) eine große Sonderschau. Letzterer war zwischen 1920 und 1923 Schüler von Baluschek. Durch Baluscheks Arbeiten und einige zeitgenössische Werke, die die ungebrochene Aktualität seines Engagements unterstreichen, zeigt die Ausstellung die Dringlichkeit sozialer Fragen damals und heute auf.

Hans Baluschek: Selbstbildnis, Berlin 1918
© Stadtmuseum Berlin

Leihgaben des Stadtmuseums Berlin

Herr Sumsemann, die Nachtfee und die Mondkanone: Wer „Peterchens Mondfahrt“ (1915) von Gerdt von Bassewitz kennt, kennt auch Hans Baluschek. Der Berliner Künstler hat den Kinderbuchklassiker illustriert. Auch mit seinen sozialkritischen Arbeiten war Baluschek einem kunstinteressierten Publikum bekannt – auch wenn seine Werke nicht sonderlich beliebt waren.
„Zu wenig Parfüm und zu viel Pfütze“, beschrieb der Kunsthistoriker und -kritiker Willy Pastor 1902 die „geschmacklosen“ Arbeiten, von denen manche Betrachter:innen „angewidert“ gewesen seien. Und selbst Wilhelm II. ließ sich zu einem Kommentar über die Themen des Künstlers verleiten: Den Kohlezeichnungen-Zyklus „Opfer“ (1906), Baluscheks Hauptwerk der Vorkriegszeit, bezeichnete der letzte deutsche Kaiser und König von Preußen (1888 – 1918) abfällig als „Rinnsteinkunst“.

„Opfer“

Auswahl von Kohlezeichnungen aus dem 1906 angefertigten Zyklus

Diese „Rinnsteinkunst“ war für Baluschek Motor und Motto zugleich. Mit sechs Jahren kam der Sohn eines Eisenbahningenieurs nach Berlin. In den ersten Jahren zog die Familie mehrmals um, blieb aber immer im Gebiet der Neubauten für Arbeiter:innen zwischen dem Halleschen und dem Kottbusser Tor (heute: Kreuzberg). Hier wuchs Baluschek auch mit Menschen auf, die buchstäblich am Rand der Gesellschaft lebten. Trotz privilegierter Umstände – die Familie konnte sich ein Dienstmädchen leisten – entwickelte Baluschek eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe, die er bald in sozialkritische Kunst übersetzte.

Aus: „Im Kampf um meine Kunst“

„Als ich ein zehnjähriger Junge war, verpflanzte mich unser Dienstmädchen in die Hasenheide, wenn sie an manchem Sonntagnachmittag mit mir spazieren gehen sollte. Dann tanzte sie schnell auf dem ‚Bal champêtre‘ einmal rum, und ich saß gehorsam an einem von Bierflecken klebrigen Tisch im Gewühl der lärmenden Menschen, umbrüllt von der Karussellmusik und dem Ausrufer der Schaubuden, erschreckt von dem Knallen in den Schießbuden und den Hammerschlägen auf den Holzblock am Fuß der Kraftmesser, jener langen Stangen, an denen auf einer Schiene ein Klötzchen je nach der Kraft des Schlagers verschieden hoch hinaufgleitet, um vielleicht endlich oben an der Zahl 1000 die Glocke sieghaft anzuschlagen. Und über allem Lärm Staub, Staub, sonnendurchglänzter Staub.“

Im Laufe seines künstlerischen Arbeitslebens malte Baluschek Arbeiter:innen, alte und arme Menschen, Prostituierte, Menschen mit sichtbaren Spuren der Alkoholsucht, Leichen und Kriminalitätsopfer. Dabei handelte es sich in der Regel nicht um reale Personen, sondern eher um Menschentypen. Baluschek malte auch die Lebensräume prekär lebender Großstadtbewohner:innen: Industrie- und vernachlässigte Wohngebiete, Landschaften, die durchzogen sind von Eisenbahnschienen und rauchenden Schornsteinen. Auch zeigt Baluschek großstädtische Szenen, in denen die Stadt als abweisend dargestellt wird. Kaum eine Figur lächelt in den Werken Baluscheks. Er selbst verstand sich als sozialistisch denkenden Menschen, der sozialungerechte Zustände in Berlin und der Welt künstlerisch zu entlarven wusste.

Hans Baluschek: Im Kampf um meine Kunst. Erschienen in: Die Gartenlaube, Nr. 34, 68. Jahrgang, August 1920
„Was mich um mich herum irgendwie berührt, ergreift, packt, erschüttert, gibt mir die Impulse zu meinen Bildern. Dann formt sich die Komposition, und aus meinen reichlichen, in meinem Gehirn aufgespeicherten Typenmaterial stellen sich die Figuren ein.“

Als Vertreter des kritischen Realismus sah sich Baluschek in der Tradition der Berliner Landschafts- und Industriemaler Adolph von Menzel (1815 – 1905) und Paul Friedrich Meyerheim (1842 – 1915). Literarisch war ihm der französische Schriftsteller Émile Zola (1840 – 1902), Begründer der literarischen Strömung des Naturalismus, Inspiration und Vorbild. In dem Magazinbeitrag „Kampf um meine Kunst“ beschrieb Baluschek 1920 seine Schwierigkeiten, als relevanter Künstler anerkannt zu werden. Gleichwohl beeinflussten die wechselnden Stilrichtungen der damaligen Zeit, wie der Expressionismus, seine Arbeit wenig. Baluschek blieb seinem dem Realismus verpflichteten Stil stets treu.

Talent und politisches Engagement

Bereits als 15-Jähriger entdeckte Baluschek die Malerei für sich. Gleich nach dem Abitur 1890 wurde der 20-Jährige an der Berliner Kunstakademie aufgenommen. Deren Leitung hatte der konservative Historienmaler Anton von Werner (1843 – 1915) inne. Am 2. Mai 1898 war Baluschek Mitbegründer der Künstler:innengruppe „Berliner Secession“. Die Mitglieder starteten eine nachweislich erfolgreiche Gegenbewegung zum damals vorherrschenden, akademischen Kunstbetrieb. An der Künstlerinnenschule Berlin war Baluschek neben Käthe Kollwitz (1876 – 1945) Lehrer. 1908 eröffnete er eine private Malschule für Frauen.
Hans Baluschek: Zum Friedhof, Berlin 1920
© Stadtmuseum Berlin

1914 meldete sich Baluschek zum Kriegsdienst. Bis dahin stellte er die konstitutionelle Monarchie nicht in Frage. Doch seine Kriegserlebnisse und die gesellschaftlichen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs brachten ihn zum Umdenken. 1920 trat er in die SPD ein und engagierte sich fortan in der Berliner Kultur- und Bildungsarbeit. Politisch setzte er sich vor allem für Arbeiter:innenbildung und die Verbesserung der Lage von Künstler:innen ein.

Ein Atelier zum Geburtstag

1920 gehörte Baluschek zu den ersten Organisator:innen und Dozent:innen der neu gegründeten Volkshochschule Groß-Berlin. Baluschek unterrichtete Malerei. Hier traf er auf den niederländischen Künstler Claus Willink, dessen Werke in der aktuellen Ausstellung im Museum Arnhem zu sehen sind.

Von 1918 bis 1928 wohnte Baluschek in der Hauptstraße 34/35 in Schöneberg. In Schöneberg wurde er Vorsitzender der Kunstdeputation und engagierte sich auch in anderen Projekten. So organisierte er die Ausstellung „Das alte Schöneberg im Bilde“ (1920). Sie zeigte Ansichten und Bilder von Berlin zwischen 1685 und 1920. Von 1929 bis 1933 war Baluschek Leiter der Großen Berliner Kunstausstellung. Währenddessen konnte er in den damals neu erbauten Ceciliengärten, heute Semperstraße, einen „Atelierturm“ als Ehrenwohnung nutzen. Es war ein Geschenk des Bezirks anlässlich seines 60. Geburtstages.

Hans Baluschek: Die Auswandernden, Berlin 1924
© Stadtmuseum Berlin

Ehrengrab in Stahnsdorf

Ab 1933 wurden Baluscheks Arbeiten von den Nationalsozialisten auf die Liste der als „entartet“ geltenden Kunstwerke gesetzt. Er wurde von all seinen Ämtern entbunden, auch verlor er sein Atelier. Die letzten beiden Lebensjahre verbrachte Baluschek in der Bozener Straße 13/14.

Hans Baluschek starb am 28. September 1935 im Alter von 65 Jahren.

Beigesetzt wurde er auf dem heute nicht mehr existierenden Friedhof Schöneberg I an der Eisackstraße. 1939 wurde sein Grab umgebettet auf den Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf. Der Grund: Die Nationalsozialisten benötigten die Fläche für ihre geplante „Welthauptstadt Germania“. Heute hat Hans Baluschek ein Ehrengrab des Landes Berlin in Stahnsdorf. In Schöneberg erinnert eine Gedenktafel am Haus Ceciliengärten 27, heute Semperstraße, und eine Grünanlage zwischen den S-Bahnhöfen Priesterweg und Südkreuz an den außergewöhnlichen Berlin-Chronisten.

Umfangreicher Nachlass

1947 erwarb der Magistrat von Groß-Berlin als Ankauf von Irene Baluschek, der Ehefrau von Baluschek, den Nachlass des Künstlers. Zwölf Werke gingen an die Staatlichen Museen zu Berlin. 324 Werke wurden an das Märkische Museum übergeben. Sie bilden den Grundstock des heutigen umfangreichen Bestandes an Malerei und Grafik von Hans Baluschek in der Gemälde- und Grafiksammlung des Stadtmuseums Berlin.

Baluscheks Werke wurden im Ostteil Berlins seit 1948 mehrmals in Ausstellungen gezeigt. Die bis dahin umfangreichste Präsentation mit 150 Gemälden und Grafiken fand 1974 aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums des Märkischen Museums statt.

Nach langjährigen Bemühungen von Kulturinstitutionen in beiden Teilen der Stadt war es 1991 erstmals möglich, eine Gesamtausstellung der Werke Baluscheks aus Ost- und West-Berliner Sammlungen in der Staatlichen Kunsthalle Berlin zu realisieren. Mit den Leihgaben des Stadtmuseums Berlin gibt es nun auch in den Niederlanden die Möglichkeit, den engagierten Ausnahmekünstler kennenzulernen.

Hans Baluschek: Neue Häuser, Berlin 1895
© Stadtmuseum Berlin

Sammlung Online

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Ausstellungsort

Ort
Museum Arnhem
Utrechtseweg 87
6812 AA Arnhem, Niederlande

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