Tamara Danz
Mit der Band „Silly“ wurde Tamara Danz (1952–1996) zur bekanntesten Rock-Musikerin der DDR.
Tamara Danz war eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der deutschen Rock-Geschichte. Ihre Karriere war geprägt von der sozialistischen Diktatur in der Deutschen Demokratischen Republik, von den Umbrüchen nach der Wiedervereinigung und einer schweren Krebs-Erkrankung, an der sie mit nur 43 Jahren starb.
Kindheit und frühe Jahre
Am 14. Dezember 1952 kam Tamara im Ortsteil Winne von Breitungen/Werra (Thüringen) zur Welt. Ihr Ihre Mutter Helene arbeitete als Kindergärtnerin, ihr Vater Erich als Außenhandels-Funktionär an diplomatischen Auslandsvertretungen der DDR. Durch den Beruf des Vaters verbrachte Tamara viele Jahre ihrer Kindheit und Jugend in Rumänien und Bulgarien. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia ging sie auf eine russischsprachige Schule, wo sie fließend Russisch lernte.
Zurück in Ost-Berlin, besuchte sie die Erweiterten Oberschulen „Heinrich Hertz“ in Adlershof und „Klement Gottwald“ in Treptow. Zu dieser Zeit liebte Tamara schon die Rockmusik, und als sich ihr die Chance bot, selbst Musik zu machen, griff sie zu: Sie wurde Sängerin der Schulband „Die Cropies“. Geleitet wurde die Band von ihrem Freund, dem späteren Jazz-Gitarrist Uwe Krupinski.
Nach dem Abitur 1971 begann sie zwar ihren Eltern zuliebe ein Studium der Philologie und Germanistik mit dem Berufsziel „Sprachmittlerin“ (Dolmetscherin). Doch schon nach wenigen Monaten brach sie es ab. Stattdessen bewarb sie sich 1973 an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“. Weil man ihre Stimme dort als „unzureichend“ bewertete, wurde sie jedoch nicht aufgenommen.
1974 begann sie ein Musikstudium an der Musikschule Friedrichshain. Nach dreijähriger Ausbildung bekam sie dort 1977 den „Berufsausweis für Unterhaltungskünstler“. Jetzt konnte sie hauptberuflich im Unterhaltungsbereich der DDR tätig sein. Als Sängerin wollte sie aber nicht perfekt klingen, sondern geradlinig und echt.
Enttäuschte Hoffnung und musikalischer Durchbruch
Trotz ihrer politisch privilegierten Familienherkunft stand Tamara Danz dem DDR-System schon in jungen Jahren kritisch gegenüber. Ihre Hoffnung auf demokratische Reformen in der DDR wurden enttäuscht, als 1968 der „Prager Frühling“ in der Tschechoslowakei gewaltsam niedergeschlagen wurde – maßgeblich vorangetrieben von DDR-Staatschef Walter Ulbricht. Als 1976 der Regime-kritische Ost-Berliner Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert wurde, bestärkte das die junge Musikerin in ihrem Wunsch nach künstlerischer Freiheit und politischer Veränderung.
Der entscheidende Abschnitt ihrer Karriere begann 1978: In diesem Jahr wurde Tamara Danz Frontfrau der Rockgruppe „Familie Silly“. Die Band entwickelte sich schnell zu einer der wichtigsten Rockgruppen der DDR, ab dem zweiten Album unter dem Namen „Silly“. Der Durchbruch gelang 1983 mit dem Album „Mont Klamott“, benannt nach dem begrünten Trümmerberg im Volkspark Friedrichshain. Der gleichnamige Titelsong über Vergangenheit und Hoffnung wurde zum melancholischen Ausdruck für ein alternatives Lebensgefühl.
Unter dem autoritären Regime, das Kunst und Kultur streng kontrollierte, bewegte sich „Silly“ ständig an der Grenze des Erlaubten. Viele ihrer Texte waren kritisch, aber auf eine bildhafte und doppeldeutige Weise. So umging die Band nicht selten die Zensur und wurde trotzdem vom Publikum verstanden. Tamara Danz war dabei nicht nur Sängerin, sondern auch eine kreative Kraft. Ihre Bühnenauftritte und ihre Texte waren intensiv, manchmal provozierend, für das Publikum oft bewegend. Sie vermittelte eine Form von Freiheit, die im sozialistischen Alltag selten war. Bei Umfragen in Jugend- und Musik-Zeitschriften wie „Melodie und Rhythmus“ wurde sie zwischen 1981 und 1986 viermal zur besten Rock-Musikerin der DDR gewählt.
„Tamara Danz, diese vor Dynamik zu bersten scheinende Sängerin: Es ist enorm, was sie an Gestalterischem zu bieten hat. Man kann es nicht näher bestimmen, aber ihre Art zu singen, gibt heutiges Zeitgefühl wieder.“
Konflikt mit der Zensur
Der Erfolg ermöglichte Tamara Danz Mitte der 1980er Jahre den Umzug von ihrer alten Ein-Zimmer-Wohnung in der Seelower Straße in Prenzlauer Berg in einen modernen Plattenbau am wieder aufgebauten Gendarmenmarkt in Mitte.
Mit zunehmendem Erfolg geriet „Silly“ aber immer stärker ins Visier der DDR-Kulturbehörden. Texte wurden beanstandet, Produktionen verzögert, Auftritte eingeschränkt. Vor allem das 1986 erschienene Album „Bataillon d’Amour“ zeigte die wachsende künstlerische Reife der Band und gleichzeitig ihre zunehmende Frustration über die politischen und gesellschaftlichen Zustände. Trotzdem durfte die Band bei der Tour zum Album erstmals auch im westeuropäischen Ausland und in der Bundesrepublik auftreten. Lieder wie der Titel-Song des Albums oder „Alles wird besser“ spiegelten eine Mischung aus Hoffnung und Skepsis wider.
Ein wichtiger kreativer Partner von „Silly“ und Tamara Danz in diesen Jahren war der Dichter Werner Karma. Gemeinsam schrieben sie kritische und poetische Songs, die bis heute als Höhepunkte der DDR-Rockmusik gelten. 1984 verbot das DDR-Kulturministerium das dritte Album der Band, „Zwischen unbefahrenen Gleisen“. Die Zensur beanstandete systemkritische Formulierungen. Drei Lieder wurden zensiert und die schon produzierten Platten vernichtet.
Mauerfall und Neuorientierung
In den späten 1980er-Jahren bestimmten wachsende Unzufriedenheit und politische Spannungen das Leben in der DDR. Zwar war Tamara Danz keine politische Aktivistin. Doch sie äußerte sich immer öfter und sehr offen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Band war zum Sprachrohr vieler Menschen geworden, die etwas verändern wollten, aber nicht genau wussten, wie und mit welchem Ziel.
Der Mauerfall beendete 1989 buchstäblich über Nacht Tamara Danz‘ Hoffnung auf eine andere, wirklich demokratische DDR. Zugleich veränderte sich die Musiklandschaft radikal. Die Menschen im Westen hatten wenig Interesse an DDR-Bands, und im Osten gab es plötzlich eine Flut von neuen, westlichen Musik-Angeboten. Selbst etablierte DDR-Musik-Acts verloren Publikum. Auch für „Silly“ war das eine schwierige Zeit. Die Band und ihre Sängerin versuchten, sich an die neuen Bedingungen anzupassen und sich trotzdem treu zu bleiben. So gelang es ihnen, sich in der veränderten Musiklandschaft zu behaupten.
1993 veröffentlichte „Silly“ das Album „Hurensöhne“. Es war viel direkter und politischer als frühere Alben. Schon der provokante Titel machte deutlich, dass die Band keine Kompromisse mehr eingehen wollte. Tamara Danz sprach offen über gesellschaftlichen Wandel, über Enttäuschungen und die Suche nach Orientierung
Eigentlich ist alles wie früher. Damals wurden wir aus ideologischen Gründen zensiert, heute aus ökonomischen.“
Letzte Jahre
Während sie 1995 am nächsten Album, „Paradies“, arbeitete, erfuhr Tamara Danz, dass sie schwer krank war. Diagnose: Brustkrebs. Trotz der Krankheit und der belastenden Behandlung arbeitete sie weiter, schrieb alle Texte des Albums und produzierte es selbst. Ihre Songs und deren Interpretationen waren jetzt noch persönlicher als früher – weniger rebellisch, oft melancholisch, manchmal traurig und verletzlich. Auch in Interviews sprach sie offen über ihre Situation, ohne in Selbstmitleid zu verfallen.Anfang 1996 erschien das Album. Viele der Songs wirken rückblickend wie ein Abschied. Die Stimme von Tamara Danz hatte sich verändert. Sie war brüchiger geworden, dadurch aber vielleicht noch intensiver. Im März desselben Jahres heiratete sie ihren langjährigen Partner und Bandkollegen Uwe Hassbecker.
Am 22. Juli 1996 starb Tamara Danz im Alter von nur 43 Jahren in Berlin. Ihr früher Tod war für die deutsche Musikszene ein Schock. Das galt vor allem für ihre Fans im Osten, für die sie eine Identifikationsfigur gewesen war. Obwohl „Silly“ mit anderen Sängerinnen weitermachte, blieb Tamara Danz untrennbar mit der Band verbunden. Heute gilt sie als eine der bedeutendsten deutschen Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. In Berlin trägt seit 2006 eine Straße nahe dem Ost-Bahnhof ihren Namen. In Breitungen/Werra gibt es seit 2012 ebenfalls eine Tamara-Danz-Straße.
Diskografie
Amiga Kleeblatt-LP 3/1980 (1980)
Tanzt keiner Boogie? (1981)
Mont Klamott (1983)
Liebeswalzer (1985)
Bataillon d’Amour (1986)
Februar (1989)
Hurensöhne (1993)
Paradies (1996)