Fritz Ascher, Alfred Kerr und Konrad Latte vor dem Hintergrund eines Berliner Stadtplans
 

Fritz Ascher

Jüdisches Leben in der Villenkolonie Grunewald

Die Audiotour folgt den Spuren von drei Berlinern mit jüdischem Familienhintergrund, denen es gelang, die Zeit des nationalsozialistischen Terrors und der antisemitischen Exzesse zu überleben: dem Theaterkritiker Alfred Kerr, der 1933 ins Exil gehen musste, dem Musiker Konrad Latte, der sich 1943 mit gefälschten Papieren in den Untergrund flüchtete und dem Maler Fritz Ascher, der ab 1942 im Verborgenen überlebte.

Das Jahr 2021 steht im Zeichen von 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland, von dem besonders in Berlin viel zu erleben ist. Zu dieser Geschichte gehört auch die Zeit der Vertreibung und Verfolgung von 1933 bis 1945. Annähernd 85.000 jüdische Berlinerinnen und Berliner konnten sich durch Flucht und Auswanderung retten, etwa 5.000 versuchten im Untergrund zu überleben, was nur etwa 2.000 dieser „Illegalen“ gelang – einigen von ihnen in der Villenkolonie Grunewald, einem Zentrum jüdischen Lebens in Berlin. 

Lesen und hören Sie hier die Geschichte der drei Künstler, und folgen Sie ihren Spuren in Bildern, auf der Karte und oder mit dieser Audiotour unterwegs vor Ort.

ÜBERLEBEN IM VERSTECK
In der Lassenstraße 28 erinnert heute nichts mehr an das Versteck des jüdischen Künstlers Fritz Ascher (1893–1970), der im Keller des Vorgängerbaus vom 15. Juni 1942 bis zum 29. April 1945 lebte.


Die Lassenstraße 28 heute und das Vorgängergebäude (ohne Jahresangabe)
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Martina Weinland (Bild links), © Landesarchiv Berlin, B Rep. 209-01 Nr. 94-13747 | Foto: Photo-Staudt; Berlin-Tempelhof, Wolframstraße 48 (Bild rechts)


© Openstreetmap

DIE FAMILIE ASCHER
Wer war Fritz Ascher? 1893 wird er als ältester Sohn des Zahnarztes Hugo Ascher in Berlin geboren, der eine Praxis am Spittelmarkt betreibt. Er hat zwei jüngere Schwestern: Charlotte und Grete.


Fritz Aschers Vater Hugo Ascher (ohne Jahresangabe) und der Berliner Spittelmarkt, 1910
© Bianca Stock | Foto: Gunnar Gustafsson (Bild links) © Stadtmuseum Berlin | Foto: F. Albert Schwartz (Bild rechts)

ASCHERS JUGEND
Die Familie kommt zu Wohlstand und bezieht eine repräsentative Villa in der Zehlendorfer Niklasstraße. Fritz ist jetzt 16 Jahre alt und will Künstler werden.


Die Niklasstraße 11-13 (heute 21-23) im Jahr 1976 und heute
© Landesarchiv Berlin F Rep. 290 (01)Nr. 0187320 | Foto: H. Piechulek (Bild links), © Stadtmuseum Berlin | Foto: Martina Weinland (Bild rechts)


ASCHERS AUSBILDUNG
Von Max Liebermann (1847–1935), einem Mitbegründer der Künstlergruppe Berliner Secession, erhält Fritz Ascher 1909 als Abschluss seiner Studien das begehrte Künstlereinjährige. Mit dieser Empfehlung geht er an die Kunstakademie nach Königsberg (heute Kaliningrad) zu Ludwig Dettmann (1865–1944). Durch diesen Maler, seit 1900 Direktor der Akademie, entdeckt Ascher seine Liebe zur Natur, die seine späteren Werke prägt.


Selbstbildnis Max Liebermanns, 1913, und „Kastanien“, Ludwig Dettmann, um 1912
© Stadtmuseum Berlin


RÜCKKEHR NACH BERLIN
1913 kommt Fritz Ascher zurück nach Berlin und besucht die Akademie für Malerei, wo er bei Lovis Corinth (1858–1925) lernt. In seinem Elternhaus richtet Ascher sich ein Atelier ein. Er unternimmt eine Studienreise nach Norwegen und trifft in Oslo den von ihm bewunderten Maler Edvard Munch (1863–1944).


Portrait Fritz Aschers von Ed Bischoff, 1912 und Selbstbildnis Lovis Corinth, 1900
© privat | Foto: Malcolm Varon (Bild links), © Stadtmuseum Berlin (Bild rechts)


GOLEM
Mitten im Ersten Weltkrieg malt Fritz Ascher 1916 – er ist jetzt 26 Jahre alt – sein zentrales Werk, den „Golem“. Ascher ist fasziniert von der Vielschichtigkeit der Figur aus dem 1913/14 erschienenen Roman und nutzt für deren malerische Interpretation die Bildsprache des Symbolismus, die er mit expressionistischen Elementen untersetzt.


Fritz Ascher: „Der Golem“, 1916, und die deutsche Erstausgabe von Gustav Meyrinks Roman „Der Golem“, 1913/14
© Jüdisches Museum Berlin / Bianca Stock (Bild links), © Kurt Wolff Verlag, Leipzig (Bild rechts)


VERFOLGT UND BESPITZELT
Mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus in Deutschland wechselt Fritz Ascher ab 1933 ständig seinen Wohnort. Er fühlt sich verfolgt und bespitzelt. Er isoliert sich, hört für lange Zeit auf zu malen.


Fritz Ascher: „Tanzende“, 1921, und Selbstportrait Fritz Aschers, 1920/45
© Stadtmuseum Berlin (Bild links), © Bianca Stock (Bild rechts)


KZ UND HAFT
In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wird er verhaftet und im Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen bei Oranienburg interniert. Mit Hilfe eines Freundes wird er zwar aus der KZ-Haft entlassen, kommt jedoch in Potsdam sofort wieder in Polizeiarrest. Was man ihm vorwirft, ist unklar.


Das Konzentrationslager Sachsenhausen (ohne Jahressangabe) und Häftlinge vor dem Lagertor, 1938
© Bundesarchiv, Bild 183-78612-0002 (links), © National Archives, Washington, D.C. (Bild rechts)


FLUCHT UNMÖGLICH
Die geplante Ausreise nach Shanghai (heute Volksrepublik China) wird ihm verboten. Damit ist sein Fluchtweg verbaut. Die Unterdrückungsmaßnahmen werden verstärkt. Ab September 1941 mussAscher den Judenstern tragen, im so genannten Judenhaus wohnen und sich monatlich im Polizeipräsidium melden. Der psychische Druck wird für ihn unerträglich.


Das ehemalige „Judenhaus“ in der Teplitzer Straße 38 heute und das Polizeipräsidium am Alexanderplatz, um 1930
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Martina Weinland (Bild links), © Stadtmuseum Berlin (Bild rechts)


ÜBERLEBEN IM VERBORGENEN
Am 15. Juni 1942 erhält Ascher den Hinweis, dass seine Deportation kurz bevor steht. Er wendet sich an Martha Grassmann (1881–1971), die Mutter seines Freundes Gerhard, die in der Grunewalder Bismarckstraße 26 lebt. Sie versteckt ihn im Keller des Hauses Lassenstraße 28.


Das Haus Bismarckallee 26, 1969, und die Bismarckallee 26 heute
© Landesarchiv Berlin, B Rep. 209-01 Nr. 94-10573|Foto: Ludwig Ehlers (Bild links), © Stadtmuseum Berlin | Foto: Martina Weinland (Bild rechts)


© Openstreetmap

GRUNEWALDKIRCHE
Ab Sommer 1942 verbringt er seine schier endlosen Tage und Stunden im dunklen Keller der Lassenstr. 28, zu dem nur das Glockengeläut der nahen Grunewaldkirche durchdringt. Er beginnt wieder Gedichte zu schreiben. Noch ahnt er nicht, dass er fast drei Jahre in seinem Versteck ausharren muss.


Die Grunewaldkirche heute und die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Vorhalle der Grunewaldkirche, um 1905
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Martina Weinland (Bild links), © Berliner Architekturwelt(Bild rechts)


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BEFREIUNG
Im Frühjahr 1945 wird der Grunewald von alliierten Truppen befreit. Endlich kann Ascher sein Versteck verlassen. Er zieht zu seiner Retterin und mütterlichen Freundin Martha Grassmann in die Bismarckallee 26. Die Kriegstraumata haben aus ihm einen ängstlichen und misstrauischen Menschen gemacht. Er leidet unter Depressionen.


Fritz Ascher, 1950, und sein Gemälde „Zwei Bäume“ von 1963
© Bianca Stock | Fotograf unbekannt (Bild links), © Stadtmuseum Berlin (Bild rechts)


ASCHERS LETZTE JAHRE
1969 müssen Fritz Ascher und Martha Grassmann die Bismarckallee 26 und das Atelier räumen. Das Haus wird abgerissen. Sie ziehen um in die Gelfertstraße. Seine Depressionen verschlimmern sich. Er stirbt am 26. März 1970.


Selbstportrait „Leidender“ Fritz Aschers und sein Grabstein in Wannsee, 1990
© Bianca Stock (Bild links), © & Foto: Rachel Stern (Bild rechts)

 
DOUGLASSTRASSE 10
DAS SCHICKSAL DER FAMILIE KERR

Auf seinen Spaziergängen durch den Grunewald durchquerte Ascher oft die Douglasstraße. Hier erinnerte ihn vieles an deren einstige jüdische Bewohnerinnen und Bewohner und an deren Schicksal – wie das des Schriftstellers und Theaterkritikers Alfred Kerr (1867–1948), der wegen der nationalsozialistischen Verfolgung bereits 1933 emigrieren musste.


Das ehemalige Wohnhaus der Familie Kerr in der Douglasstraße 10 heute und Portrait Alfred Kerrs von Augusta von Zitzewitz, um 1920
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Martina Weinland (Bild links), © Stadtmuseum Berlin (Bild rechts)


© Openstreetmap

JULIA KERR
Julia Kerr hatte als Komponistin zu dieser Zeit gerade ihre ersten Erfolge mit der Oper Die schoene Lau erzielt. Erst nach ihrer Rückkehr 1948 konnte sie wieder als Komponistin arbeiten.


Julia Kerr auf der Hochzeitsreise, 1920, und Alfred Kerr, 1932
© | Foto: Alfred Kerr (Bild links), © Wikipedia | Foto: Robert Sennecke (Bild rechts)

DOUGLASSTRASSE 15-17
VILLA EPSTEIN
In unmittelbarer Nachbarschaft zur Familie Kerr lebte Max Epstein, Besitzer des Deutschen Künstlertheaters, mit dem große Namen wie Gerhart Hauptmann, Heinz Rühmann und Gustaf Gründgens verbunden sind.


Die Villa Epstein in der Douglasstraße 15-17 heute und das Deutsche Künstlertheater auf einer historischen Postkarte
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Martina Weinland (Bild links), © Postkarten- u. Photoverlag Ludwig Walter (Bild rechts)


© Openstreetmap

DOUGLASSTRASSE 24-28
VILLA ERXLEBEN ALS VERSTECK VON KONRAD LATTE
In den Kellerräumen der Villa Erxleben wurde 1943 der Musiker Konrad Latte mit seiner Familie von der Schauspielerin Ursula Meißner versteckt. Mit Hilfe gefälschter Papiere und einer neuen Identität gelang es ihm zu überleben. Konrad Latte verstarb 2005 in Berlin.


Die Villa Erxleben in der Douglasstraße 24-28 und Konrad Latte, der sich hier mit seiner Familie 1943 versteckte
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Martina Weinland (Bild links), © Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Bild rechts)


© Openstreetmap

BAHNHOF GRUNEWALD
Am Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald fanden am 18. Oktober 1941 die ersten Deportationen Berliner Jüdinnen und Juden statt. Insgesamt wurden von ihnen zwischen Oktober 1941 und Januar 1945 rund 55.000 deportiert. Seit 1991 befindet sich hier eine Gedenkstätte. 1998 wurde Gleis 17 zum Mahnmal umgestaltet.


Der Bahnhof Grunewald und die Gedenkstätte
© Stadtmuseum Berlin | Fotos: Martina Weinland


Der Bahnhof Grunewald und die Gedenkstätte an Gleis 17
© Stadtmuseum Berlin | Fotos: Martina Weinland

© Openstreetmap

Impressum
Verfasserin und Sprecherin: Dr. Martina Weinland
Multimedia-konzeption: Peter Schnappauf
Musik: Berkan Tunçludemir

Gefördert durch321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V. aus Mitteln des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat.

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