Gustav Böß

Der Oberbürgermeister der 1920er Jahre

Am 20. Januar 1921 wurde Gustav Böß zum Oberbürgermeister Berlins gewählt. Als Nachfolger von Dr. Adolf Wermuth, einem Wegbereiter des „Zweckverbands Groß-Berlin“ und erstem OB der neu geschaffenen Metropole, war es Böß, der die Geschicke der Stadt in den 1920er Jahren lenkte. In einer Zeit von Inflation, Weltwirtschaftskrise und Instabilität der Weimarer Republik war dies eine große Herausforderung. Doch seine Verdienste wurden von einem Skandal überschattet, der seine Ära jäh beendete.

Gustav Böß wurde am 11. April 1873 als Sohn eines Prokuristen in Gießen geboren. Nach dem Besuch des Realgymnasiums studierte er an der Ludwigs-Universität Gießen Jura und Volkswirtschaft und beendete das Studium mit einer Promotion. Im Anschluss arbeitete er in der hessischen Finanzverwaltung, bevor er in die Verwaltung der Preußisch-Hessischen Eisenbahngemeinschaft wechselte.

Das alte Rathaus Schöneberg am Kaiser-Wilhelm-Platz, im Zweiten Weltkrieg zerstört © Stadtmuseum Berlin | Foto: Max Missmann

Im Jahr 1910 wurde Böß zum Stadtrat für Verkehr in der damals noch selbstständigen Stadt Schöneberg gewählt, 1912 dann aufgrund seiner fachlichen Kompetenz sowie seiner organisatorischen Fähigkeiten zum Kämmerer der Stadt Berlin, zu der Schöneberg seit jenem Jahr als Teil des neu gegründeten Zweckverbands Berlin gehörte. Das Amt stellte hohe Anforderungen an ihn, da vor allem die Kriegs- und Nachkriegsjahre die städtischen Finanzen in hohem Maße belasteten. Hierbei erwies sich Böß als engagierter und geschickter Kommunalpolitiker, der sich stets der jungen Weimarer Republik verpflichtet fühlte.


Das Rote Rathaus und Umgebung zu Beginn von Gustav Böß‘ Amtszeit als Berliner Oberbürgermeister (1921/22) © Stadtmuseum Berlin | Foto: unbekannt

Die Ära Böß

Als Politiker der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) wurde Böß im April 1921 mit den Stimmen der SPD zum Oberbürgermeister gewählt. Bis 1929  führt er die Stadt durch schwierige Jahre. Er organisiert Verwaltungsstrukturen für die neu entstandenen Bezirke, um eine einheitliche Groß-Berliner Verwaltung und eine gemeinsame Infrastruktur für die Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung zu schaffen. Durch die Kommunalisierung der städtischen Infrastruktur entstanden einige der größten Arbeitgeber der Stadt. Zudem hatte seine Wirtschaftspolitik zum Ziel, den Tourismus und Berlins Rolle als Messestadt zu stärken. Der Ausbau des Verkehrsnetzes und des Flughafens Tempelhof zum europäischen Luftverkehrskreuz trugen ebenfalls dazu bei, Berlin zu einer Metropole von internationalem Rang zu machen.

Eigenhändig unterschriebener Dankesbrief von Gustav Böß an die Direktion des Neuen Volkstheaters © Stadtmuseum Berlin

Initiativen zur Gründung städtischer Wohnbaugesellschaften ließen zudem vorbildhafte Wohnsiedlungen entstehen, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, darunter zum Beispiel die 1925 in der Ära Böß begonnene Hufeisensiedlung in dem seit 1920 zu Neukölln gehörenden Stadtteil Britz. Auch förderte Böß die städtische Wohlfahrtspflege, Kunst, Kultur und den Sport. So entstanden kombinierte Fußball- und Leichtathletikstadien, Sportanlagen in neu angelegten Parks oder Freibäder, allesamt maßgeblich finanziert durch die von Böß ins Leben gerufene Stiftung „Park, Spiel, Sport“.


Luftaufnahme der Hufeisensiedlung in Berlin-Britz, um 1927 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Aero Lloyd Luftbild GmbH

Amerikareise und Fall

Auf Einladung des New Yorker Oberbürgermeisters trat Böß Anfang September 1929 eine Amerika-Rundreise an. Neben der Hoffnung, Berlin in Übersee als internationalen Handelsplatz und touristisches Ziel zu etablieren, ging es Böß darum, die Berliner Finanzen durch amerikanische Auslandsanleihen aufzubessern. Nach der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt New York am 23. September erreichte Böß die Kunde von einem Korruptionsskandal um seine Person in Berlin. Zwei Textilhandelsunternehmer, die Brüder Sklarek, waren verhaftet worden, weil sie sich durch Bestechung ein Monopol für die Belieferung öffentlicher Einrichtungen verschafft und Kreditbetrug begangen hatten. Der Kauf einer vergünstigten Pelzjacke durch seine Frau brachte Gustav Böß unter Verdacht, in den Skandal verwickelt zu sein. 

Karikatur zum Sklarek-Skandal: „Wenn mir die Ganoven det Fell über die Ohren zogen, mußt‘ ick doch wenigstens ‘n Anzug von se haben!“ © Universitäts-Bibliothek Heidelberg

Seine Rückkehr nach Berlin geriet zur Katastrophe: Am Bahnhof Zoo wurde er von einem durch aggressive Medien-Berichterstattung aufgeputschten Mob tätlich angegriffen. Als Reaktion darauf ließ Böß ein Disziplinarverfahren gegen sich einleiten und bat um seine Beurlaubung. Die langwierige Untersuchung endete mit einem Freispruch, doch nach weiteren massiven Anfeindungen entschloss sich Böß schließlich am 7. November 1929 zum Rücktritt.

Nationalsozialistisches Nachspiel

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde erneut ein Verfahren gegen Böß angestrengt. Eingereicht wurde die Klage von dem nationalsozialistischen Fraktionschef in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, Julius Lippert. Der Vorwurf lautete: Veruntreuung von Staatsgeldern und Erhalt zu hoher Bezüge während seiner Amtszeit. Wegen „Verdunklungsgefahr“ wurde Gustav Böß am 28. April 1933 verhaftet, doch nach neun Monaten Untersuchungshaft aus dem Gefängnis Moabit entlassen, da sich die Vorwürfe als unbegründet erwiesen.

Böß verließ Berlin und lebte bis zu seinem Tod am 6. Februar 1946 in Bernried am Starnberger See. Heute sind eine Straße in unmittelbarer Nähe zum Roten Rathaus, Sportanlagen sowie eine Freilichtbühne im Volkspark Jungfernheide nach ihm benannt und erinnern so an einen der bedeutendsten Oberbürgermeister der Stadt.

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