April 2016

Das Königsgrab von Seddin

Die Geschichte eines Jahrhundertfundes

Von alters her kennt man in der Prignitz die Legende vom König Hinz. Der soll so geachtet und beliebt gewesen sein, dass man ihn nach seinem Tod samt seiner Frau und einer treuen Dienerin – mit drei Särgen und prächtigen Gaben – in einem mächtigen Hügelgrab zur letzten Ruhe bettete.

Wie bei vielen Sagen aus prähistorischer Zeit schien der Ursprung dieser Legende verloren zu sein. Doch im September 1899 geschah, womit niemand gerechnet hatte: Nahe der nordwestlich von Perleberg gelegenen Ortschaft Seddin wurde ein altes Königsgrab entdeckt, das mit dem aus der Legende verblüffende Ähnlichkeiten aufweist. Der Grabschatz zählt bis heute zu den kostbarsten Objekten im Märkischen Museum.

Sensation im Steinbruch

Was wir heute als das Königsgrab von Seddin kennen, ist um die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende bloß ein unscheinbarer Hügel, der als oberirdischer Steinbruch genutzt wird. Hier stoßen zwei Arbeiter am 16. September 1899 zufällig auf einen Hohlraum, der sich als eine üppig ausgestattete Grabkammer erweist.

Unter Polizeischutz wird am 20. September 1899 der Eingang zum Königsgrab freigelegt © Stadtmuseum Berlin

Die Männer bergen einige der Gegenstände und bringen sie zu dem für die Westprignitz verantwortlichen Denkmalpfleger Dr. Friedrich-Wilhelm Heinemann. Auf Anhieb erkennt er, dass es sich um einen Sensationsfund handelt: Er stellt die geborgenen Stücke für das Märkische Provinzialmuseum in seiner Wohnung sicher und lässt die Grabkammer sofort polizeilich bewachen. Danach erstattet Heinemann dem Direktor des Märkischen Provinzialmuseums, Ernst Friedel, telegrafisch Bericht: „Heute in Seddin Hühnengrab, volksthümlich Kaisergrab genannt, aufgedeckt. Sehr inhaltreich an Urnen und Bronzegefäßen. Könnt Ihr morgen kommen. Dr. Heinemann“.  

Der Sensationsfund weckt schnell Begehrlichkeiten, denn ein weiteres Telegramm Heinemanns an Friedel vom 19. September dokumentiert, dass auch andere Museen an dem Fund interessiert sind: „Dr. Brunner, Königl. Museen theilt mit, er fahre heute nach Seddin, wie soll ich mich verhalten. Heinemann“. Die Antwort auf diese Frage ist nicht überliefert. Doch als Friedel mit einigen Mitarbeitern des Museums am 20. September nach Seddin kommt, zögert er nicht und kauft die Funde für 120 Reichsmark.

Noch am selben Tag wird der Rest der Grabkammer geleert. Weitere Gefäße kommen zum Vorschein, Fundskizzen und Aquarelle werden angefertigt und Gruppenfotos von dem historischen Moment gemacht. Leider werden die kostbaren Fundstücke zum Teil recht laienhaft geborgen und wichtige Details nicht dokumentiert. Dadurch gehen viele Informationen zur genauen Lage der Funde und ihrer Position zueinander für immer verloren. Dennoch geben die Unterlagen einen guten Überblick über den Fund.

Das Aquarell zeigt den Grundriss der im Grabhügel verborgenen Steinkammer © Stadtmuseum Berlin

Der Inhalt der Grabkammer

Aquarelle des an der Bergung beteiligten Technikers W. Pütz sowie Zeichnungen des Architekten Dr. Jung zeigen eine aus Steinblöcken eingefasste, zentrale Grabkammer. Die Decke der Kammer wurde als so genanntes Scheingewölbe errichtet, bei dem statt Steinen Holz und Lehm verwendet werden. Auf den senkrecht stehenden Steinwänden der Kammer konnten Reste von bemaltem Lehmputz festgestellt werden, die an der Kammerdecke erhaltenen geradlinigen, gelblich-roten Muster wurden mit dem Eisenoxid Hämatit aufgetragen.

Auf den Aquarellen von Pütz sind auch die Einrichtung und Ausstattung der Grabkammer zu sehen. Zwar ist nicht sicher, ob die Darstellung in jeder Hinsicht den Tatsachen entspricht. Dennoch lassen sie vor den Augen des Betrachters ein anschauliches Bild der reich ausgestatteten Grabkammer entstehen: In der Mitte stand eine große Urne aus Ton mit Deckel. Darin befand sich eine prunkvolle Blech-Amphore, welche die Überreste eines im Feuer bestatteten Mannes enthielt. Auch ein Tüllenbeil (eine einhändig verwendete Axt), ein Bronzemesser, eine Bronzetasse und die Zehen eines Marders sollen in der Amphore enthalten gewesen sein.

Vor der tönernen Urne standen zwei weitere Gefäße, deren Inhalt als die Überreste zweier ebenfalls im Feuer bestatteter Frauen identifiziert wurde. Diese Gefäße sollen ebenfalls zahlreiche Metall- und Schmuckgegenstände enthalten haben. Ein Bronzeschwert steckte den Berichten zufolge im Boden der Grabkammer. 

Momentaufnahme einer Zeitenwende

Leider sind die Ergebnisse der damaligen Untersuchungen weder verlässlich, noch lassen sie sich nachträglich überprüfen. Alle menschlichen Überreste und die meisten Gegenstände aus den kleineren Urnen sind im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Auch eine Anzahl von Beilen, Ketten, Ringen und Nadeln sind seither verschollen. Dennoch zeigen die aufwendig gestaltete Kammer und das beschriebene Inventar eindeutig, dass es sich um das Grab eines Herrschers von überregionaler Bedeutung gehandelt haben muss.

Nicht viele archäologische Entdeckungen werden „Jahrhundertfund“ genannt, aber auf das Königsgrab von Seddin trifft dieser Begriff ohne Zweifel zu. Der Grabhügel ist nicht allein für die Region Berlin-Brandenburg, sondern für ganz Europa von großer Bedeutung. Nördlich der Alpen sind bislang keine weiteren Grabkammern von vergleichbarer Bauart bekannt.

Für die Archäologen am wertvollsten sind jedoch ausgerechnet die beiden unscheinbarsten Objekte aus dem umfangreichen Fund – zwei Nadeln aus Eisen, die sich unter den zahlreichen Bronzegegenständen befinden. Sie verraten uns, dass das Königsgrab von Seddin um das Jahr 800 vor unserer Zeit errichtet worden ist, denn in Nordeuropa war dies die Übergangszeit von der Bronze- zur Eisenzeit. So zeugt der Seddiner Grabschatz vom Anfang einer neuen Epoche.  

Der Grabschatz in der Dauerausstellung des neu eröffneten Märkischen Museums, 1908 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Ernst von Brauchitsch

Der Grabschatz im Museum

Die Funde aus dem Seddiner Grab wurden gleich nach ihrer Bergung per Post an das Märkische Provinzialmuseum nach Berlin geschickt, wo sie ab 1908 in der Dauerausstellung des neu errichteten Märkischen Museums öffentlich präsentiert wurden. Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Grabfund von Seddin die Hauptattraktion in der vorgeschichtlichen Ausstellung. Zwei Tage nach Kriegsbeginn wurde die Ausstellung im September 1939 geschlossen. Die Grabfunde kamen in Kisten verpackt in den Keller der Reichsbank. Dort fand man sie nach Kriegsende aufgebrochen, durchwühlt und teilweise geplündert.

Nach dem Krieg trennte sich Walter Stengel, der damalige Direktor des Märkischen Museums, von der gesamten Sammlung zur Ur-und Frühgeschichte. Deren Objekte – darunter die erhaltenen Teile aus dem Seddiner Grabschatz – wurden nun gemeinsam mit den Beständen des Museums für Vor- und Frühgeschichte im Gebäude des Museums für Völkerkunde untergebracht. Hier war der Schatz aus dem Königsgrab von Seddin 1955 im Rahmen einer Dauerausstellung wieder zu sehen.

Nach dem Umzug des Museums für Vor- und Frühgeschichte ins Schloss Charlottenburg 1958 waren 15 Jahre lang nur noch einzelne Stücke ausgestellt. Erst 1973 wurden die Grabfunde in einer Rekonstruktion der Grabkammer wieder in vollem Umfang und zusammenhängend präsentiert.

Im Rahmen der Jubiläumsausstellung „125 Jahre Märkisches Museum“ kehrte der Schatz aus dem Königsgrab von Seddin, pünktlich zur 100-jährigen Wiederkehr seiner Entdeckung, an seinen angestammten Platz zurück. Seit dem Ende der Jubiläumsausstellung sind die Grabfunde Teil der Dauerausstellung zur Vor-und Frühgeschichte im Märkischen Museum, wo sie im sammlungsgeschichtlichen Zusammenhang präsentiert werden. 

Das Königsgrab heute

Der Seddiner Grabhügel in seinem heutigen Erscheinungsbild. © Groundhoppers Merseburg

Nachdem die Feldforschung am Königsgrab von Seddin über 90 Jahre lang geruht hatte, wird am Grabhügel seit kurz nach der Jahrtausendwende wieder archäologisch geforscht. Inzwischen haben Archäologen unter anderem über 150 Feuergruben entdeckt, die auf einer Linie von knapp 300 Metern nördlich des Grabhügels verlaufen. Meist stehen solche Gruben in einem kultisch-religiösen Zusammenhang. Diese und andere Entdeckungen, die in einem archäologischen Park für Besucherinnen und Besucher sichtbar und deren Hintergründe auch online nachzulesen sind, sollen künftig in einem „Grabungsschutzgebiet“ dauerhaft für kommende Generationen gesichert werden.

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