März 2017

Johannes „Hanne“ Sobek

Lebensweg einer Berliner Fußball-Legende

„Immer mehr Menschen stehen am Bahnhof. Sie stehen auf den Dächern und Trittbrettern der vielen Droschken, reiten auf den Masten der Straßenschilder und Laternen und schwenken ihre schnell improvisierten blau-weißen Fahnen. Plötzlich ruft eine heisere Stimme: Ha – Ho – He! Hertha BSC!“ So erinnert sich Johannes Sobek, für die Berliner Fußballfans einfach nur „Hanne“, an den Empfang in Berlin am 23. Juni 1930. Am Tag zuvor hatte Hertha BSC endlich die Deutsche Fußballmeisterschaft gewonnen. Viermal  hintereinander war Hertha im Endspiel gescheitert, jetzt endlich kam die Viktoria – die damalige Meistertrophäe des Deutschen Fußballbundes – in die Hauptstadt. Nun endlich war Berlin dank Hertha die Fußballhauptstadt und Hanne Sobek ihr erster großer Star.

Aufstieg eines Fußballsterns

Hanne Sobek erblickt am 18. März 1900 als Paul Friedrich Max Johannes Wichmann im mecklenburgischen Mirow das Licht der Welt. Seinen leiblichen Vater lernt er nie kennen. Seine Mutter, Helene Wichmann, zieht im Frühjahr 1910 mit ihrem Sohn nach Berlin, in den Arbeiterstadtteil Prenzlauer Berg. Fünf Jahre später heiratet sie dort ihren Verlobten Paul Sobek, der Johannes als Stiefsohn adoptiert. Im Mai 1916 beginnt Hanne, wie er schon als Kind gerufen wird, eine Lehre bei der Victoria-Versicherung und heuert wenig später bei Bavaria 09 auf dem „Exer“ an, der Exerzierplatz an der Schönhauser Allee. Hier spielen viele Nordberliner Vereine, bis 1904 auch die Hertha, damals noch unter dem Namen BFC Hertha 1892.

Sein Talent wird schnell erkannt. 1920 wechselt der „Hexer vom Exer“ zum B.F.C Alemannia 1890. In seinem ersten Oberligaspiel kann der Ersatzstürmer beim 7:1-Erfolg gegen Vorwärts 90 Berlin überzeugen. Und es dauert nicht lange, bis die Berliner Auswahltrainer auf den Jungen aufmerksam werden: Am Neujahrstag 1922 bestreitet Sobek im niederländischen Den Haag gegen eine Stadtauswahl sein erstes „Repräsentativspiel“. Nur ein Jahr später wird er sogar in die Nationalmannschaft berufen. Sein Debut gibt er am 3. Juni 1923 in Basel gegen die Schweiz, das Deutschland 2:1 gewinnt. Auf sein nächstes Spiel im weißen Dress muss er zwei Jahre warten – dann aber läuft er Seite an Seite mit Sepp Herberger auf. Der spätere Bundestrainer des Weltmeisterteams von 1954 würdigt seinen Weggefährten später mit den Worten: „Hanne Sobek war für mich der größte Fußballspieler, den Berlin je besessen hat.“

Zwischen Uhrenberg und Zauberberg

Das Jahr darauf soll für den talentierten Kicker noch wichtiger werden, denn 1924 sichert er sich mit den Alemannen den bis dahin größten Erfolg seiner jungen Karriere: die Berliner Meisterschaft. In der folgenden Saison verliert Alemannia das Endspiel um den Titel gegen Hertha BSC. Kurze Zeit später wechselt Hanne Sobek als rechter Halbstürmer zu Hertha. Handgelder waren damals noch verboten, einzige Bedingung für den Wechsel ist ein Arbeitsplatz – wenig verwunderlich in Zeiten von Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise.

Ganz ohne Hindernisse verläuft sein Wechsel aber nicht. Sobek kann es scheinbar nicht erwarten, endlich in Blau-Weiß zu spielen und läuft – allen schon damals geltenden Wechselfristen zum Trotz – in einem Freundschaftsspiel gegen Eberswalde auf. Laut Spielplan müsste eigentlich Erich Poppe antreten. Der Schwindel fliegt auf, denn Hanne Sobeks elegante Spielweise ist längst auch in Brandenburg berühmt. Hertha BSC muss alle Einnahmen aus der Begegnung dem Berliner Fußballverband übergeben, Sobek selbst kommt ohne Strafe glimpflich davon. Am 25. Oktober 1925 absolviert er schließlich sein erstes reguläres Punktspiel an der „Plumpe“, dem legendären Hertha-Stadion am Gesundbrunnen mit seinen steil aufragenden Hintertortribünen „Uhrenberg“ und „Zauberberg“. Union Potsdam wird in dem Spiel mit 3:0 geschlagen und Hanne steuert sein erstes Pflichtspiel-Tor im Hertha-Dress bei.

Der lange Weg zur Viktoria

Mit Hanne Sobek erlebt Hertha BSC in den folgenden Jahren ihre große Glanzzeit. Von 1926 bis 1929 stehen die Berliner jedes Jahr im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. 1927 wird Hanne Spielführer der Herthaner. Das Berliner Publikum liebt den eleganten Kicker, der sich auf dem grünen Rasen und auf dem gesellschaftlichen Parkett gleichermaßen sicher präsentiert. Im Stummfilm „Die elf Teufel“ glänzt er in den authentischen Fußballszenen. Dem größten Jongleur seiner Zeit, Enrico Rastelli, geht er im Sportpalast vor dem begeisterten Publikum zur Hand. Er verkehrt mit vielen Stars, darunter der Schriftsteller Joachim Ringelnatz. Mit dem Schauspieler Hans Albers ist er eng befreundet. Für die Berliner Jungen ist Hanne Sobek ein Idol, der Junge aus einfachen Verhältnissen, der durch den Sport berühmt wurde.

Nach vielen bitteren Niederlagen in den Endspielen um die Deutsche Meisterschaft hat die Pechsträhne für Hertha BSC 1930 endlich ein Ende. Zum fünften Mal in Folge stehen die Herthaner im Finale, dieses Mal gegen Holstein Kiel im Düsseldorfer Rheinstadion. Brütende Hitze lastet über den mit 40.000 Zuschauern vollbesetzten Rängen. In mehreren Sonderzügen waren die Berliner Schlachtenbummler an den Rhein gefahren, um endlich den ersten Triumph ihrer Elf zu erleben.

Das hochdramatische Finale bleibt bis zur letzten Minute offen: Holstein Kiel liegt nach nur acht Minuten 2:0 vorn. Hanne Sobek gibt das Signal zum Gegenangriff. „Männe“ Hahn erzielt den Anschlusstreffer, Sobek gleicht in der 25. Minute aus. Erneut geht Kiel in Führung, und wieder gleichen die Berliner aus. Noch 25 Minuten zu spielen! Endlich gelingt Berlin durch ein Tor von Lehmann das 4:3. Die Düsseldorfer Zuschauer schlagen sich auf die Seite der Kieler. Holstein hatte kurz zuvor einen Spieler durch einen Platzverweis verloren, das brachte das Publikum gegen die Berliner auf. Angefeuert von den Rängen erzielt Ritter für Kiel den erneuten Ausgleich – es steht 4:4. Doch noch einmal raffen sich die Berliner auf. Nur drei Minuten vor dem Schlusspfiff gelingt „Hanne“ Ruch das entscheidende 5:4. Hertha BSC ist endlich Deutscher Meister!

Mit dem Gewinn der Deutschen Fußballmeisterschaft 1930 ist Hanne Sobek auf dem Gipfel seines Erfolges.

Auch 1931 setzt sich Hertha BSC  im Duell um den Einzug in die Endrunde der Deutschen Meisterschaft durch, diesmal gegen den Lokalrivalen Tennis Borussia Berlin. Arminia Bielefeld, die SpVgg Fürth und der HSV werden bezwungen, und wieder steht Hertha – nun zum sechsten Mal in Folge – im Finale der Deutschen Fußballmeisterschaft. Dort warten die „Löwen“ vom TSV 1860 München.

50.000 Fußballanhänger sehen im Müngersdorfer Stadion zu Köln ein packendes Spiel, auch der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer gibt sich die Ehre. Wieder ist es Sobek, der großen Anteil am Final-Erfolg hat. Zweimal gleicht er einen Rückstand aus, ehe Willi Kirsei in der 89. Minute das vielumjubelte Siegtor zum 3:2 gegen die Münchener erzielt. Die Viktoria bleibt noch ein weiteres Jahr in Berlin. Für Hertha ist es die bis heute letzte Deutsche Meisterschaft.

Nationalsozialismus und Nachspiel

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bringt für Hertha BSC wie für alle Sportvereine in Deutschland große Veränderungen. Die Vereine werden zwangsweise im Reichsbund für Leibesübungen organisiert,  die demokratischen Vereinsstrukturen zerschlagen und das „Führerprinzip“ wird durchgesetzt. Die Nazis erkennen schnell, welches Potential der Fußball hat, um die Massen zu begeistern. Sie versuchen auch den Berliner Fußballstar für ihre Propaganda einzuspannen. Doch Hanne Sobek lehnt ab. Er hat mit dem Nationalsozialismus nichts im Sinn. Am Neujahrstag 1935 gerät er sogar in eine Kneipenschlägerei mit Mitgliedern der SA, der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP. Wenige Tage später wird er von der SA-Ortsgruppe Gesundbrunnen aus dem Bett heraus verhaftet und nächtens vor ein SA-Gericht gebracht. Das Verfahren wird später eingestellt, denn der SA-Mann, mit dem Sobek in Streit geraten war, hatte sich mit der Kasse seiner „Standarte“ aus dem Staub gemacht. Sobek weigert sich auch, den Kontakt zu seinen jüdischen Freunden abzubrechen, 1939 versteckt er sogar einen befreundeten Bankdirektor für einige Tage bei sich zu Hause, bevor dieser in die Schweiz fliehen kann.

Zwei Jahre zuvor, 1937, bewirbt sich Hanne Sobek jedoch um eine Anstellung als Sportreporter bei der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft. Vermutlich, um seine Bewerbung nicht zu gefährden, stellt er einen Aufnahmeantrag in die NSDAP, denn wie alle Fußballer seiner Zeit muss er als Amateurspieler neben dem Sport einem beruflichen Gelderwerb nachgehen. Ohne Begründung wird sein Aufnahmeantrag abgelehnt. Seine Bekanntheit ist wohl der Grund, weshalb er die Anstellung beim Rundfunk trotzdem antreten kann.

Als erfolgreicher und prominenter Fußballspieler ist Sobek auch ohne Parteimitgliedschaft für das Regime nützlich: Bei verschiedenen Anlässen überreichen ihm hohe NS-Funktionäre Trophäen und Geschenke, so etwa zur gewonnen Gauliga-Meisterschaft 1935 und zu seinem 100. Einsatz in der Berliner Stadtauswahl 1937. Seine Spenden für das Winterhilfswerk inszenierten die Nationalsozialisten in der Presse. Während seines Grundwehrdienstes zeigt ihn ein Pressefoto in Wehrmachtsuniform. Und die Übergabe seiner errungenen Ehrenpreise und Plaketten an die  „Metallspende des Deutschen Volkes“ – eine Rohstoffsammlung zugunsten der deutschen Kriegswirtschaft – findet medienwirksam im Arbeitszimmer des Gauleiters statt.

1938 beendet Sobek seine Sportler-Karriere. Ohne seinen werbewirksamen Status als aktiver Fußballspieler wird seine Weiterbeschäftigung als Rundfunkjournalist nun doch von der Parteimitgliedschaft abhängig gemacht. Als seine Entlassung droht, stellt Sobek 1940 erneut einen Aufnahmeantrag in die NSDAP. Unter der Bedingung, seine Spenden an das Winterhilfswerk zu erhöhen und den Umgang mit seinen „nichtarischen“ Freunden zu beenden, wird er als Mitglied zugelassen. Indoktrinieren lässt sich Sobek von den Nationalsozialisten jedoch nicht. In seinen Artikeln und Reportagen finden sich weder nationalsozialistische Propaganda noch antisemitische Hetze. Nach dem Ende des „tausendjährigen Reiches“ urteilt die Entnazifizierungskammer der Alliierten im Herbst 1948, „dass der Appellant Sobek sich nicht aktiv für nationalsozialistische Ziele eingesetzt hat“. Das wegen seiner Mitgliedschaft in NSDAP und Reichskulturkammer gegen ihn ausgesprochene Berufsverbot  wird aufgehoben.

Mit Kriegsende steht Hertha BSC buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz: Die „Plumpe“ ist durch Bomben zerstört, der Verein wird – wie alle deutschen Sportclubs – als nationalsozialistische Vereinigung aufgelöst, das Sach-und Geldvermögen enteignet. Hinter den Kulissen arbeitet auch Hanne Sobek als Mitglied des von den Alliierten geschaffenen Zentralen Sportausschuss der Stadt Berlin an der Rehabilitierung von Hertha BSC. Doch erst 1949 wird die „Alte Dame“ wieder zugelassen, und sogar erst am 3. Juni 1950 geht die „Plumpe“ wieder in den Besitz des Vereins über.

Unermüdlicher Einsatz

Nach Kriegsende macht sich Hanne Sobek auch einen Namen als Trainer. Schon 1946 betreut er die Mannschaft von Union Oberschöneweide im Ostteil der nun geteilten Stadt– jenes Team, das sich  1950 in den Westen absetzt, weil ihm die sowjetische Besatzungsmacht die Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft untersagt. Im selben Jahr wird Hanne Sobek zum Berliner Verbandstrainer berufen. Nun betreut er die Stadtauswahl. Seine Vision von einer Mannschaft für ganz Berlin aber fällt der politischen Lage zum Opfer. Nur ein einziges Mal steht sie auf dem Platz: am 11. Mai 1950 siegt seine Auswahl mit Spielern aus beiden Teilen der Stadt im Walter-Ulbricht-Stadion (später Stadion der Weltjugend) gegen Prag. 1959 übernimmt Sobek das Traineramt bei Hertha BSC – der Kreis schließt sich. Mit seinen Blau-Weißen gewinnt er zweimal die Berliner Meisterschaft. 1963 führt er den Klub in die neu gegründete Fußball-Bundesliga.

Hanne Sobek als Fußballlehrer des Verbands Berliner Ballspielvereine (VBB) beim Training.

Seine bitterste Stunde als Herthaner erlebt Hanne Sobek 1965. Um von Beginn an in der Bundesliga dabei zu sein, hatten Vereinsfunktionäre Spieler mit verbotenen Handgeldern ins eingemauerte Berlin gelockt. Zudem hatten sie bei der Anmeldung für die Bundesliga 192.000 D-Mark Schulden verschwiegen. Der Schwindel fliegt auf, die Vereinsführung  wird vom DFB abgesetzt. Hanne Sobek soll als Notvorstand retten, was zu retten ist, denn sein Name steht für Sauberkeit und Fairness. Er versucht, vor dem DFB-Gericht das Schlimmste abzuwenden, doch vergeblich: Am 18. Mai 1965 wird Hertha BSC in die Regionalliga zwangsversetzt. Sobeks „dankenswertes Eintreten für die Sauberkeit bei Hertha BSC wurde bei der Urteilsfindung berücksichtigt“, erklären die Richter.

Auch im Bundesliga-Skandal von 1971 steht Sobek seiner Hertha bei. Durch Bestechung gelingt Rot-Weiß Oberhausen und Arminia Bielefeld der Klassenerhalt. So zahlt Arminia Bielefeld für die Partie am letzten Spieltag der Saison 1970/71 eine Viertelmillion D-Mark Schmiergeld an Hertha-Spieler und rettet sich mit einem 1:0-Sieg vor dem Abstieg. Insgesamt werden mehrere Spieler der Hertha und des FC Schalke 04 mit über einer halben Million D-Mark bestochen. Als der Skandal ans Licht kommt, scheint die Fußball-Bundesliga am Boden zu sein. In der Spielzeit 1971/72 geht die Zuschauerzahl um 800.000 zurück, im Jahr darauf sogar um 1,3 Millionen. Es ist bislang das schwärzeste Kapitel des deutschen Profifußballs.

Als Ehrenvorsitzender von Hertha BSC appelliert Sobek an die Fans: „Lasst den Verein jetzt nicht im Stich. Unterstützt den neuen Vorstand und die neue Mannschaft! Denn sie kämpfen gradlinig und sauber darum, Berlin die Zugehörigkeit zur höchsten deutschen Spielklasse zu erhalten.“ Seit 1925 hat sich Hanne Sobek als Spieler, Trainer, Notvorstand und Ehrenvorsitzender seine Hertha zur Herzensangelegenheit gemacht. Zum 80. Geburtstag verleiht ihm Hertha BSC für seine besonderen Verdienste um den Verein die eigens für ihn geschaffene Goldene Ehrennadel mit Brillanten.Am 17. Februar 1989 stirbt Hanne Sobek im Alter von 88 Jahren im Kreise seiner Familie. An der Beisetzung auf dem Waldfriedhof Zehlendorf nehmen 300 enge Freunde teil.

Der Sportjournalist Willy Meisel sagte 1931 über den Berliner Fußball-Star: „Sobeks Spiel ist gar nicht dazu angetan, die Massen hinzureißen. Er spielt nie die große Geige, spielt sich nicht nach vorne, setzt sich nicht in Szene und doch wird er immer sofort bemerkt, beklatscht und bejubelt. Er hat sogar den Zuschauern beigebracht, was Fußball ist oder doch sein kann.“

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