August Fuhrmanns Kaiserpanorama, Illustration von 1880
Illustration: gemeinfrei

Das Kaiserpanorama

Ein Jahrhundert vor der Markteinführung von 3D-Fernsehern und „Virtual Reality“ bot eine Berliner Erfindung vielen Menschen für wenig Geld einen räumlichen Eindruck von fernen Orten und aktuellen Ereignissen.

von Ines Hahn

Ein fast runder, im Querschnitt mehrere Meter messender Holzverschlag mit Messing-Okularen, davor jeweils ein Hocker oder ein Stuhl: Dieses so genannte Kaiserpanorama ermöglichte schon um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die automatische Vorführung von dreidimensional erscheinenden Fotografien. Es war ein Massenmedium der Kaiserzeit, das Vielen damals Menschen noch lange in Erinnerung blieb. So beschrieb etwa der in Berlin geborene und aufgewachsene Philosoph Walter Benjamin in seinem kleinen Buch „Kindheit im 19. Jahrhundert“ das „Kling“-Geräusch, mit dem das Kaiserpanorama die Zuschauer:innen per Glockenschlag von Bild zu Bild durch die „ferne Welt“ führte.

Stereoskopische Aufnahme einer Berliner Straßenszene, zusammengesetzt aus zwei horizontal leicht versetzt fotografierten Einzelbildern.
© Stadtmuseum Berlin
Aufgenommen wurden die dreidimensionalen Bilder durch „zweiäugige“ Kameras. Dieses Stereoskopie genannte Verfahren folgt dem Prinzip des räumlichen Sehens durch menschliche Augen: Zwei geringfügig waagrecht versetzt aufgenommene Bilder werden vom Gehirn dabei zu einem dreidimensionalen Bild zusammengefügt.
Bis zu 25 Personen gleichzeitig bot Fuhrmanns Kaiserpanorama dort die Faszination „exclusiven Miterlebens“ durch die optische Illusion der Stereo-Fotografie. Für 20 Pfennig Eintritt konnten sie in wöchentlich wechselnde Serien aus je 50 Bildern die kulturellen, sportlichen und politischen Ereignisse im deutschen Kaiserreich verfolgen oder in ferne Städte und Landschaften blicken. Fuhrmanns Werbung beschrieb es so: „Durch das Kaiserpanorama ist das Problem gelöst, die Welt mit der Welt bekannt zu machen.“
Eingang zur Kaisergalerie am Boulevard Unter den Linden 22/23, um 1910. Durch den Torbogen gelangte man in die Einkaufspassage, in der sich die Kaisergalerie befand.
© Stadtmuseum Berlin | Foto: unbekannte:r Fotograf:in
Der Boulevard Unter den Linden in der „Weltpanoramazentrale“ Berlin auf einer Luftaufnahme von 1913/14, im Vordergrund links gut sichtbar die „Kaisergalerie“.
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Aero Lloyd Luftbild GmbH

Frühes Massenmedium

In einer frühen Form des Bildjournalismus versorgte August Fuhrmann aus seiner Berliner „Weltpanoramazentrale“ heraus bald bis zu 250 Niederlassungen in Europa und in Übersee mit stereoskopischen Bildern. Es war ein echtes Massenmedium, das sich nicht nur an wohlhabende oder gebildete Bevölkerungs-Schichten richtete. Dementsprechend groß war seine Verbreitung: Im Jahr 1909 waren bereits 100.000 Abzüge der 3D-Bilder im Umlauf.

Konkurrenz durch den Film

Fuhrmanns Unternehmen, für das bis zu acht Fotografen tätig waren, war dank der geschickten Werbe- und Vertriebsstrategie seines Gründers wirtschaftlich erfolgreich und als „Kunstinstitut ersten Ranges“ bekannt. Der Konkurrenz durch das neue Medium Film hatte die Stereoskopie jedoch auf Dauer nichts entgegenzusetzen. Die Menschen verloren das Interesse an den unbewegten, stummen Bildern und strömten stattdessen in die Kinos, die oftmals prunkvolle Film-Paläste waren. Doch erst 1939 wurde das Berliner Kaiserpanorama in der Kaisergalerie geschlossen.
Gegenüber dem neuen Medium Film und den oft prachtvollen Kinos (hier der Titania-Palast in Steglitz, 1928) verlor das Kaiserpanorama in den ersten Jahrzehten des 20. Jahrhunderts schnell an Bedeutung.
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Nationalfilm Lichtspiele AG
Funktionsfähiger Nachbau eines Kaiserpanoramas im Raum „Unterhaltung“ der Ausstellung BERLIN GLOBAL im Humboldt Forum.
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Alexander Rentsch

Das Kaiserpanorama live erleben

Das Stadtmuseum Berlin bewahrt in seiner Sammlung ein originales Kaiserpanorama auf. Es stammt aus einer niederländischen Niederlassung der „Weltpanoramazentrale“ und ist das einzige seiner Art in Berlin. Erworben im Jahr 1983, war es bis 2019 im Märkischen Museum in Betrieb. Seit 2021 ist eine funktionsfähige Nachbildung im Raum „Unterhaltung“ der Ausstellung BERLN GLOBAL im Humboldt Forum zu erleben.

Beim Museumsfest 2015 bot sich den Besucher:innen des Märkischen Museums die Gelegenheit, beim Wechsel der Bilderserie im Kaiserpanorama zuzusehen und dabei hinter die Kulissen des originalen Apparats zu blicken.

Ein Besucher und eine Besucherin blicken durch die Okulare des nachgebauten Kaiserpanoramas in der Ausstellung BERLIN GLOBAL
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Alexander Rentsch

BERLIN GLOBAL

Berlin Ausstellung im Humboldt Forum

Nehmen Sie hier einmal selbst am Kaiserpanorama Platz und sehen Sie die Welt durch die Linsen der stereoskopischen Fotografie!

Mehr Berlin-Geschichten

Redaktionelle Bearbeitung: Heiko Noack