Josephine Baker

„Alles was ich möchte, ist tanzen…“

Seit einem Jahrhundert inspiriert Josephine Baker weltweit zahllose Menschen. Tanzend befreite sie sich aus den Slums der amerikanischen Südstaaten und eroberte in den 1920er Jahren von Paris aus die Bühnen der Welt.

Am 3. Juni 1906 in einem Armenviertel von St. Louis als uneheliches Kind geboren, erlebte Freda Josephine McDonald, so ihr voller Geburtsame, eine entbehrungsreiche Kindheit. Eindrucksvoll berichtete sie von den Rassenunruhen 1917 in ihrer Heimatstadt und leitete daraus eine Lebensaufgabe ab: den Kampf gegen Rassentrennung, für Freiheit und Gleichberechtigung. Für sie selbst wurde das Tanzen ein Weg der Befreiung.

Jeder Auftritt ein Rausch

Ab 1921 reiste Josephine mit der Tanzgruppe „Dixie Steppers“ durch die USA und trat mit kleinen Szenen in Varietés auf, den so genannten Vaudeville-Theatern. In Philadelphia heiratete sie im Alter von nur fünfzehn Jahren in zweiter Ehe Billy Baker, unter dessen Familiennamen sie berühmt werden sollte. Dort bekam sie auch ein festes Engagement als Clown am Ende der „Chorus Line“. Ihr Ziel war jedoch, im Rampenlicht zu stehen, auf der großen Bühne. So versuchte sie ihr Glück in New York in dem Musical „Shuffle Along“. Für Josephine war jeder Auftritt ein Rausch: „die Blicke des Publikums, das mich anschaute, elektrisierten mich“. Unermüdlich in Bewegung, schafft sie es, Aufmerksamkeit zu gewinnen. So wurde sie 1925 für ein Gastspiel in Paris als Tänzerin verpflichtet.

Josephine Baker, Paris, um 1925 © Stadtmuseum Berlin | Foto: G. L. Manuel (Fotografisches Atelier)

Das französische Publikum war neugierig auf das Kuriose und Fremde aus Amerika. Die Faszination galt den neuen künstlerischen Formen. Josephine Baker eroberte mit ihren freizügigen Tanzauftritten Paris im Sturm. Sie war sinnlich, pur, exotisch und ein Star. „Ihr wird nachgerühmt, daß sie nicht nur mit dem Körper, den Beinen und Armen, sondern auch mit den Augen tanzt“, schrieb 1925 das österreichische Theater- und Kulturmagazin Die Bühne. „Das Ganze ist ein Gemisch aus Musik, Bewegung, Plastik und Erotik, es ist eine einzigartige Sensation, ohne die Paris nicht mehr leben zu können meint!“ Von Paris führte die Tournee weiter über Brüssel nach Berlin.

Von der Bühne des Nelson-Theaters am Kurfürstendamm 217 eroberte Josephine Baker Berlin (Ansichtskarte von 1924) © Stadtmuseum Berlin

Triumph in Berlin

In Berlin stellte Komponist Rudolf Nelson Josephine Baker sein Theater zur Verfügung. Von der Bühne am Kurfürstendamm aus eroberte sie als „schwarze Venus“ 1926 die Stadt. „Berlin, das ist schon toll! Ein Triumphzug. Man trägt mich auf Händen. In keiner anderen Stadt habe ich so viele Liebesbriefe bekommen, so viele Blumen und Geschenke“, erinnerte sich die Tänzerin in ihren Memoiren. Mit dem in Deutschland bis dahin unbekannten Tanz Charleston löste sie ein wahres Tanzfieber aus. Gefeiert und von Theaterkünstlern wie Max Reinhardt und Karl Vollmoeller umworben, genoss Josephine die ihr in Berlin entgegengebrachte Zuneigung und die Angebote, entschied sich aber doch für Paris. In immer extravaganteren Kostümen, die ihr auf den Leib geschneidert wurden, bediente sie das exotisch afrikanische Bild. Der berühmte Gürtel aus 16 Plüschbananen um die Hüften wurde zu ihrem Markenzeichen. 


Schluss-Szene einer Revue mit Josephine Baker im Berliner Metropol-Theater, 1926. Kostüm und Maske spiegeln noch deutlich die im Kolonialismus verwurzelte europäische Weltsicht jener Zeit. © Stadtmuseum Berlin | Foto: A. Binder

Rastlos arbeitete Josephine Baker weiter: Sie sang und nahm Lieder für die Schallplattenfirma Columbia Records auf. Zudem stand sie vor der Kamera: So spielte sie 1934 in dem Film „Zou Zou“ an der Seite von Jean Gabin ein armes Mädchen, das den Weg auf die Bühne schafft, und erreichte damit in Frankreich ein noch größeres Publikum als zuvor. Obwohl in Europa die reichste und bekannteste Künstlerin ihrer Zeit, scheiterte ihr Versuch, mit einem Gastspiel auch das US-amerikanische Publikum zu gewinnen. Nach massiven rassistischen Anfeindungen kehrte sie 1936 desillusioniert nach Europa zurück.

Unterstützung für den Widerstand

Durch die Heirat mit dem jüdischen Unternehmer Jean Lion erhält die Künstlerin 1937 die französische Staatsbürgerschaft. Nachdem in Deutschland in den Novemberpogromen 1938 die antisemitische Gewalt eskalierte, wurde sie als Akt der Solidarität Mitglied der Ligue internationale Contre le Racisme et l'Antisémitisme (LICRA), einer internationalen Organisation, die sich gegen Rassismus und Antisemitismus einsetzt.

Nach der Eroberung von Paris und der Besetzung von Teilen Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht 1940 verließ Josephine Baker die Stadt, wo sie in den 1930er Jahren große Erfolge gefeiert hatte (Foto von 1941). © Stadtmuseum Berlin | Foto: Harry Croner

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs, in dessen Folge die deutsche Wehrmacht 1940 weite Teile Frankreichs samt Paris besetzte, veränderte auch Josephine Bakers Leben grundlegend. „Solange auch nur ein Deutscher in Frankreich ist, werde ich nicht singen“ verkündete sie. Sie arbeitete für das Rote Kreuz und unterstützte den Widerstand der Résistance. Sie sammelte und schmuggelte Informationen für die französische Exilregierung des Generals Charles de Gaulle und die Alliierten, in deren Auftrag sie nach Nordafrika ging. Zur Unterhaltung der Truppen war sie als Leutnant der Freien Französischen Luftwaffe mit dem Militärjeep unterwegs. Alle Einnahmen der unter de Gaulles Schirmherrschaft stehenden Konzerte gab sie an die Résistance weiter – bis Kriegsende mehr als 3 Millionen französische Francs.

Einige Monate nach der erfolgreichen Invasion der Alliierten in der Normandie begleitete sie die alliierten Truppen im Oktober 1944 vom befreiten Paris aus weiter Richtung Osten. Bis zum Ende des Krieges sah Sous-Lieutenant Baker es als ehrenvolle, patriotische Aufgabe an, vor den Soldaten zu singen. Dafür wurde sie 1946 mit der Medaille de la Résistance des Freien Frankreich geehrt. 1957 ernannte Charles de Gaulle Josephine Baker für ihren mutigen Einsatz zum Ritter der Ehrenlegion.

Botschafterin für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit

Josephine Baker 1956 in Berlin © Stadtmuseum Berlin | Foto: Harry Croner

Nach 1945 kehrte Josephine Baker auf die Bühne zurück – als Botschafterin für Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder Religion. Gemeinsam mit dem französischen Orchesterleiter Jo Bouillon, den sie am 3. Juni 1947 geheiratet hatte, ging sie 1951 auf Tournee durch Amerika. Bei ihren Auftritten gab es keine Rassentrennung, als Star hatte sie diese Bedingung durchgesetzt.

Offensiv trat Baker gegen jegliche Diskriminierung auf. 1963 holte sie der US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King in Washington ans Rednerpult – ihre größte Rolle und ihr größter Triumph: Sie war mehr als ein Superstar, sie war eine politische Figur. In ihrer Rede am 28. August bei der Abschlusskundgebung des March on Washington der Bürgerrechtsbewegung ermutigt die 57-Jährige alle Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner, ihre Rechte im eigenen Land durchzusetzen.

Werbeplakat für Josephine Bakers Gastspiel im Ost-Berliner Friedrichstadtpalast 1968 © Stadtmuseum Berlin

Mit Jo Bouillon adoptiert Josephine Baker zwölf Kinder unterschiedlicher Hautfarbe aus verschiedenen Teilen der Welt. Den Lebensunterhalt für ihre Regenbogenfamilie finanzierte sie durch weitere Bühnenauftritte. Auf ihrem Schloss „Les Milandes“ in der Dordogne lebte sie die Ideale von Gleichheit und Freiheit. Bis zu ihrem Tod am 12. April 1975 blieb sie eine politische Kämpferin und ein Vorbild für viele schwarze Frauen.

Weiterführende Literatur: „Josephine Baker: Weltstar – Freiheitskämpferin – Ikone“, Mona Horncastle, Wien 2020

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