Sommerkleid (1961)

Objekt des Monats August 2020

Das Objekt des Monats August ist ein Sommerkleid. Seine Geschichte zeigt, wie sehr das Leben der Menschen mit dem Lauf der Geschichte verstrickt ist und was ein Kleiderkauf mit Mauerbau und Mauerfall zu tun hat.

Im Spätsommer des Jahres 1961 kaufte sich die Biologie-Studentin Rosemarie Fees ein neues Kleid. Sie studierte in Marburg, war aber eine geborene Berlinerin. Das Kleid entsprach der neuesten Mode, schlicht und gerade geschnitten, ärmellos. Ein Bindegürtel betonte die Taille. Der Perlonstoff war sehr modern. Mit den roten Punkten auf frischen weißen Grund wirkt das Kleid sehr sommerlich.

Rosemarie Fees wollte einen Teil der Semesterferien in Berlin verbringen und dieses Kleid, kombiniert mit weißen Pumps, zu einem Spaziergang unter den Linden tragen, durch das Brandenburger Tor hindurch bis in den Tiergarten hinein. Doch ihr Berlin-Besuch stand unter schlechten Vorzeichen.

Sperren aus Straßenpflaster und Stacheldraht

Der 12. August 1961 war ein Sonnabend. Berlin war in der Wochenendruhe, als der DDR-Staatsrats-Vorsitzende Walter Ulbricht in der Nacht zum Sonntag den Befehl erteilte, die Sektorengrenzen Ost-Berlins zu schließen. Der Einsatz wurde von Erich Honecker geleitet, damals Sekretär für Sicherheitsfragen des Zentralkomitees der SED. Neben Kräften der Volks- und Grenzpolizei wurden auch die paramilitärischen Kräfte der Betriebskampfgruppen mobilisiert.

Mehr als 10.000 Mann errichteten Sperren aus Straßenpflaster und Stacheldraht, unterstützt von Soldaten der Nationalen Volksarmee und der Sowjetarmee aus dem Umland. Die Verkehrsadern von S- und U-Bahn wurden bis auf die im Bahnhof Friedrichstraße durchtrennt. Nur dreizehn Übergänge zwischen West und Ost blieben als „Checkpoints“ geöffnet. Das Brandenburger Tor, das Rosemarie Fees für ihren Spaziergang nutzen wollte, war ursprünglich ebenfalls als Übergang geplant. Am 14. August wurde es jedoch versperrt.

Über Nacht getrennt

„Brandenburger Tor zugemauert“, Fotopostkarte unter Verwendung einer Farbfotografie von Herbert Maschke © Verlag Herbert Maschke

Der Mauerbau traf die Berliner Bevölkerung auch im täglichen Leben sehr hart. Familien wurden auseinander gerissen und hatten keine Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben. Zahlreiche Fotodokumente zeigen die Betroffenheit der Menschen, die dem Mauerbau hilflos gegenüberstanden. Viele Ost-Berlinerinnen und Berliner bezahlten Fluchtversuche mit ihrem Leben.

Rosemarie Fees lebte nach ihrem Studium in West-Berlin, gründete eine Familie und ging ihrer Arbeit nach. Über all die Jahre trug sie das Kleid gelegentlich und bewahrte es auf. 1989 verfolgte sie bewegt die Ereignisse des Mauerfalls. 1990 zelebrierte Rosemarie Fees in diesem Kleid ihre „private Nachwendefeier“, wie sie es ausdrückte. Sie holte den Spaziergang nach, den sie 1961 nicht mehr machen konnte.

Kontakt

Heike-Katrin Remus

Sammlungsbetreuerin

030 353059 620
Kontakt
Mo – Fr 10 – 18 Uhr
030 24002 162
Berliner Mauer mit Original-Graffiti von Kiddy Citny im Märkischen Museum. © Stadtmuseum Berlin | Foto: Heiko Noack
Märkisches Museum
Dauerausstellung
Mauer-Stücke

Originale und Tondokumente
im Außenbereich

Klebezettel „Alles wird gut“
Aktuell
Mitmachen
Berlin jetzt!

Gegenwart sammeln
für das Stadtmuseum der Zukunft

Die Waisenbrücke 1904
Objekte und Geschichten
Hintergrund
Die Waisenbrücke

Die Geschichte einer durchtrennten Lebensader der Stadt