Berliner Filmgeschichte
Schon vor 1900 bekam das staunende Publikum in Berlin die ersten Filme zu sehen. In den 1920er Jahren wurde Berlin zur internationalen Filmstadt und ist es bis heute geblieben. Werfen Sie mit uns einen Blick auf mehr als 125 Jahre Bewegtbild und die Sammlung zur Filmgeschichte am Stadtmuseum Berlin.
Bei der Gründung des Märkischen Provinzial-Museums in Berlin 1874 schrieben sich die Gründungsväter auf die Fahne, keinen Sammlungsbereich auszusparen. Diese Idee erschien in der damaligen Zeit nicht abwegig, denn mit Ernst Friedel (1837 – 1918) wurde ein Leiter für die neue museale Einrichtung gewonnen, der sich lange Jahre für alle Bereiche offen zeigte. Allein seine Bildung und die ausgeübten Ämter sprengten jeden gewöhnlichen Rahmen und bezeugten seine vielfältigen Interessensgebiete.
Wahrscheinlich hätte Ernst Friedel auch das Medium Film in „seine“ Sammlung aufgenommen, aber man kannte es seinerzeit noch nicht. Für damalige Ohren war es ein Begriff wie aus der Welt der Chemie, behaftet mit einen Geruch nach Apotheke, ein „dünnes Hautläppchen“, wie die ersten Lexika zum Wort „Film“ zu verzeichnen wussten. Heute ist dessen ursprüngliche Bedeutung kaum noch geläufig, doch das Medium Film wurde zur weltumfassenden Normalität. Anfangs zaghaft, dann langsam, zunächst stolpernd, mussten die Bilder erst laufen lernen. Doch dann taten sie es immer rasanter und besser.
Ein neues Medium
Er war es auch, der mit einem Riesenfernrohr der Sternwarte in Alt-Treptow eine Sonnenfinsternis filmte. Um 1899 existierten erste Wanderkinos, um 1904 bereits Schaubuden, schließlich Ladenkinos mit Ansager, bald auch schon mit Klavierbegleitung. Die Filmindustrie war geboren und wuchs mit der Beschäftigung von professionellen Theater-Schauspieler:innen, was den neu aufkommenden Begriff Filmtheater erklärt.
Filmstadt Berlin
Auch wenn Filmrollen am Stadtmuseum Berlin nie gesammelt wurden, finden wir heute in den unterschiedlichsten Sammlungsbereichen Spuren der Filmkunst. Bereits im Jahr 1912 fand der erste deutsche Kinokongress statt: im Deutschen Hof am Moritzplatz in Kreuzberg. Belegt ist dies durch eine erhalten gebliebene Einladung an keinen geringeren als Ernst Friedel. Längst kein Museumsleiter mehr – 1906 hatte er sein Amt abgegeben – trat er als geheimer Regierungsrat und Stadtältester auf, immerhin schon 75 Jahre zählend.Auch der Katalog blieb erhalten, wahrscheinlich durch Friedel selbst, wobei sich die Mitglieder des Ehren-Komitees recht weit gefächert lesen. So finden wir den Direktor der Treptower Sternwarte, einen Professor der Technischen Hochschule, den Direktor der Urania, den Vorsitzenden des Deutschen Fortbildungswesens, den Direktor des Zoologischen Gartens und den Generalsekretär des Deutschen Zentral-Komitees für Zahnpflege in den Schulen. Die Broschüre „Belehrende Filme für Schule und Volk“ von 1913 vermittelt einen Eindruck davon, in welche Nischen sich der Film Zutritt verschafft hatte. Sie enthält Titel wie „Bedeutung der Luft für Atmung“, „Ringkampf mit einem Bären“ oder, wie erst 2021 wieder aktuell, „Überschwemmung im Ahrtal“.
Kinobegeisterung
Üblich waren Filme von 90 Metern, später 165 Metern Länge. Der Spielfilm brachte es durch die Komplexität seiner Handlung schließlich bis auf 3000 Meter Länge, was einer Laufzeit von 120 Minuten entspricht. Richtige Kinobegeisterung setzte um 1910 ein. Neu entstandene Lichtspielhäuser und Kinopaläste standen den Theatern an Ausstattung und Luxus nicht nach.
Filmpaläste machten sich gegenseitig Konkurrenz, gerade am und um den Kurfürstendamm. Dazu gehörten die „Filmbühne Wien“, der „Gloria Palast“, das „Marmorhaus“ oder der „Ufa-Palast“. Ganz Berlin wurde überzogen von Kinos, die immer lauter und schneller nach neuen Produktionen schrien.
Mit den Filmen kamen die vergötterten Stars auf die Leinwände: Asta Nielsen (1881 – 1972), Adele Sandrock (1863 – 1937), Paul Wegener (1874 – 1948), Lil Dagover (1887 – 1980) oder Henny Porten (1890 – 1960). Niemals vorher konnte ein Mensch so schnell bekannt werden wie jetzt, niemals vorher kopierten so viele Menschen ihre Stars in Haltung, Kleidung und Frisur.
Natürlich Kintopp!
Was Tun mit 10 Pfennig in Berlin?
Zu den berühmtesten Zeitungs-Kolumnisten zählte seinerzeit der Journalist und Weltenbummler Egon Erwin Kisch (1885 – 1948), „der rasende Reporter“ genannt. Weilte er in der deutschen Hauptstadt, schrieb er Artikel für das „Berliner Tageblatt“. Im 1913 erschienenen Beitrag „Wat koofe ick mir for een Groschen?“ (10 Pfennig) beantwortete er die in der Überschrift gestellte Frage.
Schauplatz der Reportage war die Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Er bekam dort für zehn Pfennige – die Auswahl war groß – eines des Folgenden: eine Tasse Kaffee in der Volksspeisehalle, einen Napfkuchen, zwei Harzer Käse, eine Tasse Milch, ein Glas Apfelwein, eine Schale Weißbier, eine Brühe, eine Haarlemer Zwiebel, ein Achtel Pfund Kieler Sprotten, ein Stück Bruchschokolade, eine Flasche Selterswasser, eine mit Butter oder Schmalz bestrichene Stulle, vier Schrippen, zwei Zinnsoldaten, einen Löffel aus Alpaka-Silber, einen Umschlag mit Puderpapier, ein Pfadfinderheft, eine Säuglingsklapper oder fünf Knallerbsen.
Schließlich sprach Herr Kisch einen kleinen Jungen mit der Frage an, was dieser wohl mit 10 Pfennigen anstellen würde. Die Antwort kam prompt: natürlich Kintopp! „Auf meinen Wunsch zeigte er mit sogleich das Kino, wo der Eintritt zehn Pfennig kostet, der teuerste Platz 50 Pfennig. Mein kleiner Führer verschwand mit dem Groschen in der Eingangstüre, auf der eine große Tafel besagte: Jugendlichen unter sechzehn Jahren ist der Eintritt verboten!“
Dieses Thema, heute Jugendschutz genannt, wurde von der Ersten internationalen Film-Zeitung am 17. März 1914 mit folgenden Worten aufgegriffen: „Zwei Gesetze liegen zur Zeit dem Reichstage vor, Novellen zur Gewerbeordnung – der Gesetzentwurf zum Schutze der Jugend (Bekämpfung von Schmutz in Wort und Bild) und das sogenannte Reichskinematographengesetz; beide von grösster Bedeutung für die Kinematographie …“
Ton und Farbe feiern Premiere
Nach zahlreichen Pannen erlebte am 25. April 1930 im Kino „Universum“ (heute „Schaubühne“) am Lehniner Platz der erste erfolgreiche deutsche Tonfilm seine Premiere. In der Regie von E. W. Emo kam „Heute Nacht – eventuell?“ in die Kinos. Johannes Riemann (1888 – 1959) spielte darin einen Nervenarzt und Jenny Jugo (1904 – 2001) seine heitere Ehefrau. Beide – vielen Zuschauer:innen bereits durch Stummfilme bekannt – sprachen endlich. Fast wäre dieser Film nie gestartet, denn er wurde mehrfach verboten, wobei man sich wohl an dem Titel störte. Als der Streifen endlich dann doch gezeigt werden durfte, galt für ihn ein Jugendverbot.Mit „Frauen sind doch bessere Diplomaten“ – in den Hauptrollen Marika Rökk (19113 – 2004) und Willy Fritsch (1901 – 1973), Regie Georg Jacoby (1882 – 1964) – feierte der erste UFA-Farbfilm Premiere. Seine groß angekündigte Uraufführung am 31. Oktober 1941 fand gleich an zwei Berliner Spielstätten statt. Die Massen strömten sowohl in die „Arena-Lichtspiele“ in der Turmstraße in Moabit, als auch in das 1.300 Plätze fassende „Capitol“ am Bahnhof Zoo in Charlottenburg, erbaut nach Plänen des Architekten Hans Poelzig (1896 – 1963). So hielt die Farbe Einzug in die Kinos, kurz bevor sie der Krieg in grauen Schutt verwandelte.
Die Sammlung zur Filmgeschichte am Stadtmuseum Berlin
Nach der Ausstellung „Berlin im Licht“, die von Juni 2008 bis Februar 2009 im Märkischen Museum zu sehen war, schenkte das Stadtmuseum Berlin dem Film endlich die verdiente Aufmerksamkeit. Die Idee, den umfangreichen Filmfundus komplett zu sondieren, wurde in den folgenden Jahren verwirklicht. In zahllosen Archivkästen und Planschränken fand er seinen Platz. Ein Kasten gehört allein der Beleuchtungstechnik, ein zweiter ist nur dem Produzenten Oskar Messter vorbehalten, weitere den Spielstätten, also den Filmtheatern selbst.
Als sehr umfangreich gestaltet sich die Sammlung der Filmprogrammehefte. Die älteste Reihe, „Illustrierter Filmkurier“, erschien von 1919 bis 1944. Ersetzt wurde diese durch die „Illustrierte Film-Bühne“. In der DDR erschien nach Umbenennung die Filmprogrammreihe „Progress“, ab 1966 unter „Film für Sie“ erhältlich. Leider haben beide deutschen Staaten den Druck von Filmheften 1969 bzw. 1979 völlig eingestellt, was diese Programme, wie auch andere Heftreihen, zu Raritäten werden ließ. Ebenfalls eine Bereicherung der Sammlung ist die Zeitschrift „Der Filmspiegel“. Von 1954 bis 1989 in der DDR 14-täglich erschienen, füllt ihr Bestand allein fünf Archivkästen. Ganze Jahrgänge sind komplett erhalten.
Ein Höhepunkt für die leinwandbegeisterte Berliner Bevölkerung und ihre Gäste sind ab 1951 die Internationalen Filmfestspiele, kurz Berlinale genannt. Broschüren, Hefte, Sonderausgaben, einzigartige Pressefotos und Werbetaschen gehören zum Sammlungsbestand. Vieles davon sind Schenkungen. Nicht selten wurden die Eröffnungsworte vom jeweiligen Regierenden Bürgermeister der freien Stadt gesprochen. Willy Brandt oder Klaus Schütz nutzten ihre Reden als Brückenschlag zum anderen Teil Berlins und verwiesen auf die Filmkunst als Bindeglied. Darüber hinaus sind in der Sammlung Filmplakate aus Ost und West vorhanden, darunter „Der Leopard und die Lady“, „Das fliegende Auge“, „Die Legende von Paul und Paula, Louis und seine verrückten Politessen“ oder „Wie Poeten ihre Illusionen verlieren“. Der erfolgreichste Spielfilm der DDR-Produktionsfirma DEFA war im Jahr 1973 „Apachen“ mit Gojko Mitić (geboren 1940). Unser Filmplakat stammt jedoch aus Frankreich, wo der Film ebenfalls lief und „Apache“ hieß.
Anlässlich des 35-jährigen Jubiläums der Deutschen Einheit zeigt das Stadtmuseum Berlin seit dem 3. Oktober 2025 im Museum Nikolaikirche eine Ausstellung mit dem Titel Heute noch, morgen schon. Filmische Perspektiven auf Berlin um 1990. Dokumentarische Kurzfilme, Film- und Fernsehausschnitte aus vier Jahrzehnten geben seltene Einblicke in die tiefgreifenden Veränderungen jener Jahre. Seit 1955 findet in Leipzig das Internationale Festival für Dokumentarfilme unter wechselnden Namen statt. Oft gibt es dort die Gelegenheit, Berliner Arbeiten mit Berliner Themen zu sehen. Für die Prämierung des ersten Preises wurde die „Goldene Taube“ eingeführt, entworfen von Pablo Picasso (1881 – 1973). Das Motto des Festivals lautete zur Zeit der DDR: „Filme der Welt – für den Frieden der Welt!“ Zuerst nur mit vereinzelten Beiträgen vertreten, schließlich immer häufiger, nahmen ab 1987 die bundesdeutschen Fernsehanstalten von ARD (mit dem Sender Freies Berlin) und ZDF am Wettbewerbs offiziell teil. Wegen seines guten Rufs und Renommees blieb das Festival nach 1990 bestehen, geändert wurde jedoch das Motto: „Filme der Welt – Für die Würde des Menschen!“ Lassen Sie sich überraschen.
Die Sammlung zur Filmgeschichte am Stadtmuseum Berlin ist Teil der Theatersammlung.
Über den Text
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Berliner Archivrundschau, Ausgabe 2025-2. Für die Online-Veröffentlichung wurde der Originaltext geringfügig ergänzt und angepasst.