„Die zappelnde Leinwand“, Filmbuch (ca. 22,5 x 15 cm), 1916
Sammlung Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Michael Setzpfandt

Berliner Filmgeschichte

Schon vor 1900 bekam das staunende Publikum in Berlin die ersten Filme zu sehen. In den 1920er Jahren wurde Berlin zur internationalen Filmstadt und ist es bis heute geblieben. Werfen Sie mit uns einen Blick auf mehr als 125 Jahre Bewegtbild und die Sammlung zur Filmgeschichte am Stadtmuseum Berlin.

von Henry Schäfer

Bei der Gründung des Märkischen Provinzial-Museums in Berlin 1874 schrieben sich die Gründungsväter auf die Fahne, keinen Sammlungsbereich auszusparen. Diese Idee erschien in der damaligen Zeit nicht abwegig, denn mit Ernst Friedel (1837 – 1918) wurde ein Leiter für die neue museale Einrichtung gewonnen, der sich lange Jahre für alle Bereiche offen zeigte. Allein seine Bildung und die ausgeübten Ämter sprengten jeden gewöhnlichen Rahmen und bezeugten seine vielfältigen Interessensgebiete.

Ernst Friedel, erster Direktor des Märkischen Provinzial-Museums, aus dem das Stadtmuseum Berlin hervorgegangen ist, Foto um 1895
© Stadtmuseum Berlin
Bewandert in Altertumskunde, Naturgeschichte, Zoologie, in der Rechts- und Staatswissenschaft sowie als Heimatforscher, war er obendrein aktiv bei der Straßenbaupolizei und als Stadtrat für Bauwesen für das Bestattungswesen zuständig. Seinen Einfluss ist noch heute in der Gestaltung von Parkanlagen zu finden: Hansaplatz, Schillerpark, Kleiner Tiergarten oder Humboldthain, an deren Konzeption wie Umsetzung er entscheidend beteiligt war.

Wahrscheinlich hätte Ernst Friedel auch das Medium Film in „seine“ Sammlung aufgenommen, aber man kannte es seinerzeit noch nicht. Für damalige Ohren war es ein Begriff wie aus der Welt der Chemie, behaftet mit einen Geruch nach Apotheke, ein „dünnes Hautläppchen“, wie die ersten Lexika zum Wort „Film“ zu verzeichnen wussten. Heute ist dessen ursprüngliche Bedeutung kaum noch geläufig, doch das Medium Film wurde zur weltumfassenden Normalität. Anfangs zaghaft, dann langsam, zunächst stolpernd, mussten die Bilder erst laufen lernen. Doch dann taten sie es immer rasanter und besser.

Ein neues Medium

Bereits zu Beginn der Entwicklung erhob sich der Film von einer Nachbildung des Theaters zu einer eigenständigen dramatischen Gattung. Genau gesehen handelte es sich bei den ersten bewegten Bildern um eine Illusion. Schon in der Laterna magica und im Kaiserpanorama  – einem Apparat zum Betrachten von Stereoskop-Bildserien, der einen räumlichen Eindruck erzeugte – projizierten Glaspositive die Sinnestäuschung von Bewegung, Phantasmagorie genannt. Durch Stereoskope blickend, wurden die Betrachter:innen Zeugen von vorbeilaufenden Stereobildserien, von hinten mit Petroleum-, Gas- oder elektrischem Glühlicht beleuchtet.
August Fuhrmanns Kaiserpanorama, Illustration von 1880
Illustration: gemeinfrei
Das Kino professionalisiert sich: Zeugnis für den Kinomatographen-Operateur Hermann Kielhorn, das ihm „[…] bestätigt, daß er kinomatografische Apparate öffentlich vorführen darf“, ausgestellt von Oskar Messters Projection GmbH, Berlin 1908.
Sammlung Stadtmuseum Berlin
Vieles nahm 1895 im Berliner Variet „Wintergarten“ in der Friedrichstraße seinen Anfang. Filmproduzent Max Skladanowsky (1863 – 1939) präsentierte die erste Filmvorführung: „Projektion lebender Fotografien“. Bereits ein Jahr später trat ein erfindungsreicher Kinopionier in Aktion: Oskar Messter (1866 – 1943). An der Ecke Kochstraße / Friedrichstraße in Kreuzberg baute er ein für die staunenden, neugierig stehenbleibenden Passant:innen merkwürdiges Gerät auf und filmte damit erstmalig Straßenszenen.

Er war es auch, der mit einem Riesenfernrohr der Sternwarte in Alt-Treptow  eine Sonnenfinsternis filmte. Um 1899 existierten erste Wanderkinos, um 1904 bereits Schaubuden, schließlich Ladenkinos mit Ansager, bald auch schon mit Klavierbegleitung. Die Filmindustrie war geboren und wuchs mit der Beschäftigung von professionellen Theater-Schauspieler:innen, was den neu aufkommenden Begriff Filmtheater erklärt.

Filmstadt Berlin

Auch wenn Filmrollen am Stadtmuseum Berlin nie gesammelt wurden, finden wir heute in den unterschiedlichsten Sammlungsbereichen Spuren der Filmkunst. Bereits im Jahr 1912 fand der erste deutsche Kinokongress statt: im Deutschen Hof am Moritzplatz in Kreuzberg. Belegt ist dies durch eine erhalten gebliebene Einladung an keinen geringeren als Ernst Friedel. Längst kein Museumsleiter mehr – 1906 hatte er sein Amt abgegeben – trat er als geheimer Regierungsrat und Stadtältester auf, immerhin schon 75 Jahre zählend.

Auch der Katalog blieb erhalten, wahrscheinlich durch Friedel selbst, wobei sich die Mitglieder des Ehren-Komitees recht weit gefächert lesen. So finden wir den Direktor der Treptower Sternwarte, einen Professor der Technischen Hochschule, den Direktor der Urania, den Vorsitzenden des Deutschen Fortbildungswesens, den Direktor des Zoologischen Gartens und den Generalsekretär des Deutschen Zentral-Komitees für Zahnpflege in den Schulen. Die Broschüre „Belehrende Filme für Schule und Volk“ von 1913 vermittelt einen Eindruck davon, in welche Nischen sich der Film Zutritt verschafft hatte. Sie enthält Titel wie „Bedeutung der Luft für Atmung“, „Ringkampf mit einem Bären“ oder, wie erst 2021 wieder aktuell, „Überschwemmung im Ahrtal“.
Katalog (ca. 21 x 15 cm) zur Berliner Kino-Ausstellung vom 17. bis 22. Dezember 1912, Schutzverband Deutscher Lichtbildtheater (Herausgeber)
Sammlung Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita

Kinobegeisterung

Üblich waren Filme von 90 Metern, später 165 Metern Länge. Der Spielfilm brachte es durch die Komplexität seiner Handlung schließlich bis auf 3000 Meter Länge, was einer Laufzeit von 120 Minuten entspricht. Richtige Kinobegeisterung setzte um 1910 ein. Neu entstandene Lichtspielhäuser und Kinopaläste standen den Theatern an Ausstattung und Luxus nicht nach.

Mit den Filmen kamen die vergötterten Stars auf die Leinwände: Asta Nielsen (1881 – 1972), Adele Sandrock (1863 – 1937), Paul Wegener (1874 – 1948), Lil Dagover (1887 – 1980) oder Henny Porten (1890 – 1960). Niemals vorher konnte ein Mensch so schnell bekannt werden wie jetzt, niemals vorher kopierten so viele Menschen ihre Stars in Haltung, Kleidung und Frisur.

Dieses Thema, heute Jugendschutz genannt, wurde von der Ersten internationalen Film-Zeitung am 17. März 1914 mit folgenden Worten aufgegriffen: „Zwei Gesetze liegen zur Zeit dem Reichstage vor, Novellen zur Gewerbeordnung – der Gesetzentwurf zum Schutze der Jugend (Bekämpfung von Schmutz in Wort und Bild) und das sogenannte Reichskinematographengesetz; beide von grösster Bedeutung für die Kinematographie …“

„Heute Nacht eventuell?“, Filmplakat (22 x 14,6 cm), Berlin 1930
Sammlung Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita

Ton und Farbe feiern Premiere

Nach zahlreichen Pannen erlebte am 25. April 1930 im Kino „Universum“ (heute „Schaubühne“) am Lehniner Platz der erste erfolgreiche deutsche Tonfilm seine Premiere. In der Regie von E. W. Emo kam „Heute Nacht – eventuell?“ in die Kinos. Johannes Riemann (1888 – 1959) spielte darin einen Nervenarzt und Jenny Jugo (1904 – 2001) seine heitere Ehefrau. Beide – vielen Zuschauer:innen bereits durch Stummfilme bekannt – sprachen endlich. Fast wäre dieser Film nie gestartet, denn er wurde mehrfach verboten, wobei man sich wohl an dem Titel störte. Als der Streifen endlich dann doch gezeigt werden durfte, galt für ihn ein Jugendverbot.

Mit „Frauen sind doch bessere Diplomaten“ – in den Hauptrollen Marika Rökk (19113 – 2004) und Willy Fritsch (1901 – 1973), Regie Georg Jacoby (1882 – 1964) – feierte der erste UFA-Farbfilm Premiere. Seine groß angekündigte Uraufführung am 31. Oktober 1941 fand gleich an zwei Berliner Spielstätten statt. Die Massen strömten sowohl in die „Arena-Lichtspiele“ in der Turmstraße in Moabit, als auch in das 1.300 Plätze fassende „Capitol“ am Bahnhof Zoo in Charlottenburg, erbaut nach Plänen des Architekten Hans Poelzig (1896 – 1963). So hielt die Farbe Einzug in die Kinos, kurz bevor sie der Krieg in grauen Schutt verwandelte.

Die Sammlung zur Filmgeschichte am Stadtmuseum Berlin

Nach der Ausstellung „Berlin im Licht“, die von Juni 2008 bis Februar 2009 im Märkischen Museum zu sehen war, schenkte das Stadtmuseum Berlin dem Film endlich die verdiente Aufmerksamkeit. Die Idee, den umfangreichen Filmfundus komplett zu sondieren, wurde in den folgenden Jahren verwirklicht. In zahllosen Archivkästen und Planschränken fand er seinen Platz. Ein Kasten gehört allein der Beleuchtungstechnik, ein zweiter ist nur dem Produzenten Oskar Messter vorbehalten, weitere den Spielstätten, also den Filmtheatern selbst.

Als sehr umfangreich gestaltet sich die Sammlung der Filmprogrammehefte. Die älteste Reihe, „Illustrierter Filmkurier“, erschien von 1919 bis 1944. Ersetzt wurde diese durch die „Illustrierte Film-Bühne“. In der DDR erschien nach Umbenennung die Filmprogrammreihe „Progress“, ab 1966 unter „Film für Sie“ erhältlich. Leider haben beide deutschen Staaten den Druck von Filmheften 1969 bzw. 1979 völlig eingestellt, was diese Programme, wie auch andere Heftreihen, zu Raritäten werden ließ. Ebenfalls eine Bereicherung der Sammlung ist die Zeitschrift „Der Filmspiegel“. Von 1954 bis 1989 in der DDR 14-täglich erschienen, füllt ihr Bestand allein fünf Archivkästen. Ganze Jahrgänge sind komplett erhalten.

Ein Höhepunkt für die leinwandbegeisterte Berliner Bevölkerung und ihre Gäste sind ab 1951 die Internationalen Filmfestspiele, kurz Berlinale genannt. Broschüren, Hefte, Sonderausgaben, einzigartige Pressefotos und Werbetaschen gehören zum Sammlungsbestand. Vieles davon sind Schenkungen. Nicht selten wurden die Eröffnungsworte vom jeweiligen Regierenden Bürgermeister der freien Stadt gesprochen. Willy Brandt oder Klaus Schütz nutzten ihre Reden als Brückenschlag zum anderen Teil Berlins und verwiesen auf die Filmkunst als Bindeglied. Darüber hinaus sind in der Sammlung Filmplakate aus Ost und West vorhanden, darunter „Der Leopard und die Lady“, „Das fliegende Auge“, „Die Legende von Paul und Paula, Louis und seine verrückten Politessen“ oder „Wie Poeten ihre Illusionen verlieren“. Der erfolgreichste Spielfilm der DDR-Produktionsfirma DEFA war im Jahr 1973 „Apachen“ mit Gojko Mitić (geboren 1940). Unser Filmplakat stammt jedoch aus Frankreich, wo der Film ebenfalls lief und „Apache“ hieß.

Anlässlich des 35-jährigen Jubiläums der Deutschen Einheit zeigt das Stadtmuseum Berlin seit dem 3. Oktober 2025 im Museum Nikolaikirche eine Ausstellung mit dem Titel Heute noch, morgen schon. Filmische Perspektiven auf Berlin um 1990. Dokumentarische Kurzfilme, Film- und Fernsehausschnitte aus vier Jahrzehnten geben seltene Einblicke in die tiefgreifenden Veränderungen jener Jahre. Seit 1955 findet in Leipzig das Internationale Festival für Dokumentarfilme unter wechselnden Namen statt. Oft gibt es dort die Gelegenheit, Berliner Arbeiten mit Berliner Themen zu sehen. Für die Prämierung des ersten Preises wurde die „Goldene Taube“ eingeführt, entworfen von Pablo Picasso (1881 – 1973). Das Motto des Festivals lautete zur Zeit der DDR: „Filme der Welt – für den Frieden der Welt!“ Zuerst nur mit vereinzelten Beiträgen vertreten, schließlich immer häufiger, nahmen ab 1987 die bundesdeutschen Fernsehanstalten von ARD (mit dem Sender Freies Berlin) und ZDF am Wettbewerbs offiziell teil. Wegen seines guten Rufs und Renommees blieb das Festival nach 1990 bestehen, geändert wurde jedoch das Motto: „Filme der Welt – Für die Würde des Menschen!“ Lassen Sie sich überraschen.

Die Sammlung zur Filmgeschichte am Stadtmuseum Berlin ist Teil der Theatersammlung.

„Lichter aus dem Hintergrund“, Helga Reidemeister, DE 1998
© öFilm / Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen | Titel-Schriftzug: Förm | Layout: Groupe Dejour

Heute noch, morgen schon

Filmische Perspektiven auf Berlin um 1990

35 Jahre nach Ende der deutschen Teilung widmet sich das Stadtmuseum Berlin im Museum Nikolaikirche mit einer großen Filmausstellung den damaligen Umbrüchen.

02.10.2025 – 06.04.2026

Über den Text

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Berliner Archivrundschau, Ausgabe 2025-2. Für die Online-Veröffentlichung wurde der Originaltext geringfügig ergänzt und angepasst.

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