Helge Leiberg, Stigma, Tusche und Collage auf Karton, 2022
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Michael Setzpfandt

Stigma

Neunte Variation zur Auferstehung im Museum Nikolaikirche

von Albrecht Henkys

Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte „Auferstehung Christi“ in der Kraut-Kapelle des Museums Nikolaikirche war vom 23. September bis 7. Dezember 2022 in einer Interpretation von Helge Leiberg zu sehen.

Kunst in der Kirche

Das Bild war der neunte Teil einer von Juni 2021 bis Juni 2023 andauernden Serie von Variationen zum Thema Auferstehung. Die Bilder werden nacheinander präsentiert von Künstler:innen.

Leibergs Interpretation der „Auferstehung Christi“ räumt mit vertrauten Sehgewohnheiten auf. Zwar folgt sie in Ikonografie und Komposition dem verlorenen historischen Gemälde in der von Johann Georg Glume gestalteten Grabkapelle, doch tritt uns der Auferstandene nun als eine augenscheinlich Schwarze queere Person entgegen.

Der sie umgebende grelle Blitz zeugt von der Energie des Geschehens. Fast schützend zieht ein Engel die Grabplatte über sich. Am Boden sitzen oder kauern die geblendeten und völlig überraschten Wachleute. Ungläubig vergleicht einer von ihnen die Szene mit dem vertrauten Image auf seinem Handy. Welchem der Bilder soll er trauen?

Mit Gewissheit lässt sich sagen, dass der historische Jesus von Nazareth nicht weiß war. Aber warum sollte Jesus nicht queer gewesen sein? Anknüpfend an die sichtbaren Wundmale der Kreuzigung  spielt der Künstler hier in krasser Überzeichnung auch auf die verbreitete Stigmatisierung vorgeblich nicht „christlicher“ Lebensweisen an.

Über den Künstler

Helge Leiberg, geboren 1954 in Dresden, ist Maler und Bildhauer. Leiberg studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei Professor Gerhard Kettner. Seit 1978 ist Leiberg freiberuflich. Neben Malerei und Zeichnung bedient er sich verschiedener Medien (Musik, Film, Tanz, Bildende Kunst). Auch Performances gehören zu seinem Repertoire, unter anderem mit Christa Wolf, Vinko Globokar, Jean Druet und Michel Portal, Corinna Harfouch, Peter Lohmeyer, Conny Bauer und weitere. 1979 gründete Leiberg zusammen mit den Künstlern Michael Freudenberg und A. R. Penck eine Malerband. 1984 bürgerte Leiberg nach West-Berlin aus. Er erhielt das Arbeits- und Atelierstipendium vom Berliner Senat für Kulturelle Angelegenheiten. Es folgten Ausstellungen im In- und Ausland mit Malerei, Zeichnungen und Bronzeplastiken. 2005 nahm er an der Biennale Peking teil, 2007 an der Internationalen Grafikbiennale Janssen-Museum Oldenburg und Wien. 2013 erhielt er den Brandenburger Kunstpreis für Malerei. Es folgte 2014 die Teilnahme an der Skulpturentriennale Bingen/ Rhein und 2015 an der Biennale Venedig

In diesem Projekt geht es darum, sich dem vom preußischen Hofbildhauer Georg Glume (1679–1765) entworfenen Grabdenkmal künstlerisch anzunähern und sich aus zeitgenössischer Sicht mit einer historischen Fehlstelle auseinanderzusetzen. Dabei geht es nicht darum, diese zu rekonstruieren, sondern zu kommentieren und eine Raumsituation zu erarbeiten, die das Thema des verlorenen Bildes in der Kapelle Kraut, die Auferstehung Christi, im Blickwinkel von heute interpretiert.
Unbekannter Künstler, Auferstehung, Kraut-Kapelle, entstanden 1725
© Archiv Landesdenkmalamt Berlin