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Was für ein Schatz sich hinter den beiden Buchdeckeln verbirgt, wurde erst 1952 erkannt.
© Stadtmuseum Berlin I Collage

Volkseigentum Luther-Bibel

… und plötzlich stand die DDR-Volkspolizei vor der Tür: Wie das Kleinod des Seidenstickers Hans Plock (1490-1570) zum Staatsfall wurde.

von Albrecht Henkys

Auf welchen Wegen die Plock-Bibel von Halle an der Saale nach Berlin kam, ist nicht bekannt. 1791 aber wurde sie der Berliner Ratsbibliothek vom Stadtpräsidenten Johann Albrecht Philippi (1721 – 1791) geschenkt. Als Stadtrat Ernst Friedel (1837 – 1918) die Bibel 1876 an das erst zwei Jahre zuvor gegründete Märkische Provinzialmuseum überwies, werden ihn wohl die auffällige Gestaltung und zahllosen Anmerkungen dazu bewogen haben. In den Regalen des Museums geriet sie jedoch in Vergessenheit.

Erst 161 Jahre später rückte sie zufällig ins Blickfeld der Museologen: Am 8. und 14. Oktober 1952 wurden Bestände des Märkischen Museums, die 1943/44 zum Schutz vor alliierten Bombenangriffen in das heute tschechische Frydlandt ausgelagert worden waren, zurück nach Berlin transportiert. Darunter befand sich auch die Plock-Bibel.

Köllnischer Park mit der Ruine des Märkischen Museums, Trümmerbahn und dem „Wusterhausener Bär“, einem Turm der ehemaligen Berliner Stadtbefestigung, um 1951
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Erich Jaros
Offenbar war der damalige Direktor des Märkischen Museums, Walter Stengel, bei Sichtung der Bestände auf die beiden Bibelbände gestoßen und hatte an deren reichen Ausschmückungen die Hand des Kunsthandwerkers erkannt. Bald aber muss ihn dann auch die Frage nach der Urheberschaft einiger ungewöhnlich qualitätsvoller Zeichnungen umgetrieben haben, die er neben anderen Kunstwerken in die Bibelbände eingeklebt vorfand.

Anders als bei den Druckgrafiken fehlte den Zeichnungen jeder Hinweis auf eine Autorschaft. Außerdem waren sie offenkundig ihres Ursprungszusammenhangs enthoben und von Plock mit eigenen Verzierungen und Schrifttafeln versehen worden. Dennoch hatte Stengel die Annahme, dass drei der Zeichnungen von der Hand Matthias Grünewalds stammen könnten.

Jenes Meisters Mathis Gothardt Nithardt also, dessen Identität als „historischer Grünewald“ erst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hatte überhaupt gelöst werden können.

Polizeieinsatz zum Schutze des Volkseigentums

Dann nahmen die Ereignisse mit ungeheurem Tempo ihren Lauf: Stengel stellte seine Entdeckung dem langjährigen Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, Friedrich Winkler, vor, der aber inzwischen von Ost-Berlin in den Westteil der Stadt gewechselt war. Durch diesen bestärkt, veröffentlichte Stengel seine Entdeckung in den Schriftenreihen „Berliner Museen und Zeitschrift für Kunstwissenschaft“ (beide West-Berlin) und hielt am 12. Dezember 1952 vor der inzwischen ebenfalls West-Berliner „Kunstgeschichtlichen Gesellschaft“ einen Vortrag. So fand die Sensation ihren Weg auch in die West-Berliner Tagespresse.

Schon am nächsten Tag standen zwei Ost-Berliner Polizisten in Stengels Büro und befragten ihn zu seinem Fund. Fünf Tage später kam es zum Polizeieinsatz: Am 19. Dezember wurde die Plock-Bibel auf Weisung der „Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten“ (das war sozusagen das Kulturstaatsekretariat der DDR-Regierung) aufgrund des „Verdachts auf ein Verbrechen gegen das Volkseigentum“ beschlagnahmt. Stengel reiste zum Weihnachtsfest zu seinem Sohn nach West-Berlin und kehrte von dort nicht mehr zurück.

Bayerische Landesausstellung rückt Bibel in den Fokus

Die wegen der darin enthaltenen Zeichnungen nun so genannte „Grünewald-Bibel“ verschwand zunächst in den Stahlschränken staatlicher Behörden. 1953 wurde sie dann unerwartet in das Inventar des Kupferstichkabinetts der Ost-Berliner Staatlichen Museen aufgenommen. An ihrem ersten Besitzer, dem Seidensticker Hans Plock, und seinem zeitgeschichtlichen Umfeld hatte man dort erst einmal weniger Interesse.

Man konzentrierte sich auf die Zeichnungen Grünewalds und einige der anderen eingeklebten Kunstwerke. Erst um die Jahrtausendwende erbrachte dann ausgerechnet die Bayerische Landesausstellung „Das Rätsel Grünewald“ die Restaurierung der Plock-Bibel und eine erste intensive Beschäftigung mit diesem einzigartigen, kulturhistorischen Gesamtkomplex. Nun wurde auch ein Dauerleihvertrag zwischen dem Kupferstichkabinett und dem Stadtmuseum Berlin abgeschlossen:

Die zweibändige Bibel befindet sich aus konservatorischen Gründen im Kupferstichkabinett, das Stadtmuseum Berlin aber ist Eigentümer.

Flyer zur Reformations-Ausstellung im Museum Nikolaikirche, 2017.
© Stadtmuseum Berlin

Gemeinsames Forschungsprojekt

Nachdem die Kunstwerke, die Plock in seine Bibel eingeklebt hatte – allen voran die Zeichnungen Matthias Grünewalds – schon lange Gegenstand kunsthistorischer Forschungen gewesen waren, stellte die Ausstellung „Vom Kardinalsornat zur Luther-Bibel“ des Stadtmuseums Berlin 2005 die beiden Bibelbände und ihren Besitzer in den Mittelpunkt. Seither gewann dieses ungewöhnliche Zeugnis der Reformationszeit ein immer größeres Interesse bei unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen.
Tipp

Publikation zur Ausstellung „Vom Kardinalsornat zur Luther-Bibel“

Im Jahr 2017, anlässlich des Reformationsjubiläums, stellte das Stadtmuseum Berlin die Bibelbände nochmals aus. An einer Medienstation, die inzwischen zur Dauerausstellung im Museum Nikolaikirche gehört, kann man die Bibel seither vollständig durchblättern. Eine weitere Besonderheit der Bibel sind neben den Grünewald-Zeichnungen auch die von Plock angefertigten Randnotizen sowie tagebuchartige Einträge.

Durch die Medienstation in der Nikolaikirche fand die Plock-Bibel die Aufmerksamkeit von Forschenden des Fachbereichs II Germanstik / Ältere deutsche Philologie an der Universität Trier und dem Trier Center of Digital Humanities. Aus Interesse wurde schnell Begeisterung und ein gemeinsames Forschungsprojekt. Dessen Ziel ist es außerdem, die Plock-Bibel als digitale Ausgabe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Ungewöhnliches Tagebuch und Zeitdokument

DIE PLOCK-BIBEL

Sie wurde beklebt, bemalt und beschrieben: Die Luther-Bibel des Seidenstickers Hans Plock (1490-1570) dokumentiert in ungewöhnlicher Weise die Zeit der Reformation und den offenen Umgang mit Heiligtümern. Einblick in die schillernde Geschichte eines der ältesten Objekte des Stadtmuseums Berlin.

Zweimal Dürers Albrecht von Brandenburg („Kleiner Kardinal“) von 1519 sind hier zu sehen.
© Stadtmuseum Berlin