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Anna von Kahle (rechts) auf der Empore in der Friedrichswerderschen Kirche.
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Robert Bussler

Ideal und Form

Die Ausstellung „Ideal und Form“ in der wiedereröffneten Friedrichswerderschen Kirche zeichnet mit Skulpturen und Plastiken von der Schinkelzeit bis zum Kaiserreich die Entwicklungslinien des 19. Jahrhunderts in die Moderne nach. Sie lädt ein, die seinerzeit bereits international ausgerichtete Berliner Bildhauerschule neu zu entdecken. Mit dabei: das Selbstportrait der Künstlerin Anna von Kahle (1843-1920), eine Leihgabe des Stadtmuseums Berlin.

von Melanie Huber

Dauerausstellung in der Friedrichswerdersche Kirche

Die von Karl Friedrich Schinkel geplante und in den Jahren 1824 bis 1830 erbaute Friedrichswerdersche Kirche ist seit 1987 Museumskirche und zugleich eine Zweigniederlassung der Alten Nationalgalerie. Die neue Ausstellung geht dabei auch über die Schinkelzeit hinaus und zeigt auf, aus welchen internationalen Einflüssen die Berliner Bildhauerschule sich gespeist hat.

Der Fokus liegt auf den weltweiten Einflüssen, die die damalige Bildhauerschule zu einem lebendigen Ort des Austauschs machte. An dieser Schule wirkten auch Künstlerinnen. Eine von ihnen war die 1920 in Berlin verstorbene Bildhauerin Anna von Kahle, deren Büste in der Ausstellung zu sehen ist.

Anna von Kahle

1843 in Bellin bei Bärwalde in der Neumark geboren, eignete sich Anna von Kahle ihre bildhauerischen Fertigkeiten überwiegend eigenständig an. Ihr Vater besaß eine Ziegelei. Mit dem Ton aus dieser Ziegelei entwickelte sie ihr künstlerisches Talent. 1876 schaffte sie es, die Aufmerksamkeit des Bildhauers Fritz Schaper zu erlangen. Er war bereit, ihr Unterricht zu erteilen. 1879 war sie das erste Mal in der Ausstellung der Königlichen Akademie der Künste mit einer „Portraitbüste in Marmor“ vertreten. Es war dieses Selbstportrait, das nun in der Friedrichswerderschen Kirche zu sehen ist. 1880 besaß sie bereits ein eigenes Atelier in Berlin. Ihre Arbeiten waren auf Ausstellungen im In- und Ausland präsent, unter anderem in England und Amerika. In recht kurzer Zeit war es ihr möglich, sich in Berlin – und nicht nur hier  einen Namen zu machen. Neben Springbrunnenfiguren, Gartenplastiken und Grabdenkmälern schuf sie charakteristische Portraits  so auch eins von Theodor Fontane.
Blick in die Friedrichswerdersche Kirche
© Stadtmuseum Berlin | Foto: Robert Bussler
Eine emanzipierte Frau

Sie engagierte sich aktiv in der Frauenförderung und gründete 1886 den Verein „Arbeitshülfe“.  Ihr ganzes Leben lang setzte sie sich aktiv für die sozialen Belange von Frauen ein und war auch Mitglied im Verein der Berliner Künstlerinnen.

Nach ihrem Tod kam ihr Selbstportrait in die Sammlung des Märkischen Museums. Dieses Selbstbildnis war ihr Debüt in der „künstlerischen Welt“, aber sie inszenierte sich damit nicht. Anna von Kahle war 36 Jahre alt, als sie sich so darstellte. Gerade die naturgetreue Abbildung in Marmor ist das, was bei diesem Selbstportrait begeistert. Es ist die perfekte Darstellung des Unperfekten, inklusive Tränensäcken und Doppelkinn.

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Friedrichswerderschen Kirche
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