Dezember 2016

Weihnacht, Wünsche, Kinderbriefe

Eine fast vergessene Tradition aus dem 19. Jahrhundert

Weihnachtswünsche waren für Kinder schon im 19. Jahrhundert sehr wichtig. Doch damals waren es nicht nur die eigenen Wünsche an das Christkind in der Hoffnung auf eine üppige Bescherung. Nein, Kinder schrieben zum Fest auch Briefe mit den besten Weihnachtswünschen für ihre Eltern, was diesen ein stolzes Wohlgefühl verschaffte und den kleinen Schreiberinnen und Schreibern die Sicherheit, der elterlichen Gunst auch weiterhin gewiss zu sein.

Heute  ist kaum noch bekannt, dass ein von Kindern geschriebenes und selbst vorgetragenes Gedicht einmal fester Bestandteil des Heiligen Abends war. Dabei erzählt uns diese Tradition viel über das Kindsein in vergangenen Zeiten. Anhand von Weihnachtswunschbriefen aus der Dokumentensammlung des Stadtmuseums Berlin stellen wir Ihnen einen fast vergessenen Brauch vor, der gut 150 Jahre währte, ehe er ab den 1920er Jahren allmählich wieder verschwand.

Berliner Weihnachtszimmer im späten 19. Jahrhundert, Gemälde von Franz Skarbina (Ausschnitt), 1892 © Stadtmuseum Berlin

Die Ursprünge von Wunschbriefen

Glückwünsche zu übermitteln, ist ein alter Brauch. Sie sind der Versuch des Menschen, das Glück zu beeinflussen, es heraufzubeschwören und festzuhalten. Vor allem besondere Anlässe werden von Glückwünschen begleitet: persönliche Feste wie Geburtstag, Hochzeit, Taufe, Erstkommunion oder Konfirmation, aber auch Feiertage wie der Jahresbeginn und eben Weihnachten.

Schon im 18. Jahrhundert war es üblich, dass Kinder Glückwünsche zum neuen Jahr in handschriftlicher Form an die Eltern übergaben – ein Brauch, der fast ausschließlich in den protestantisch geprägten Regionen Nord- und Mitteldeutschlands verbreitet war. Zwei sehr bemerkenswerte Zeugnisse dafür befinden sich in der Dokumentensammlung des Stadtmuseums Berlin: So widmet der kleine Heinrich Wilhelm Ziethen „beym 1802ten Jahreswechsel“ seinen „verehrungswürdigen Eltern […] hochachtungsvoll und dankbar“ nicht nur ein deutsches Dankesgedicht, sondern ein weiteres in französischer Sprache.

Weihnachtswunschbrief von Wilhelm Müller aus dem Jahr 1831 © Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Matthias Hahn

Noch ehrgeiziger geht rund dreißig Jahre später Wilhelm Müller ans Werk, wie die links nebenstehende Abbildung zeigt: Er überreichte seiner Frau Mama eine zehnseitiges Heft mit den „Worten des Herzens der theuern Mutter beim Anfange des Jahres 1831“. Darin enthalten ist ein zweiseitiges deutschsprachiges Gedicht zum neuen Jahr und dazu noch ein französisches – beide formvollendet niedergeschrieben und geschmackvoll illustriert – sowie ein dreiseitiger deutschsprachiger und ein einseitiger französischsprachiger Prosatext an die „innigst geliebte Mutter“.

Wünsche im Wandel

Parallel dazu gibt es auch Glückwunschbriefe, auf denen die Wünsche zum neuen Jahr mit Weihnachtswünschen kombiniert, aber bereits am 24. Dezember übergeben wurden. Dieser Umstand erklärt sich aus dem Wandel des Weihnachtsfestes. War es über die Jahrhunderte hinweg ein eher kirchliches Fest, so wandelte es sich mit dem Entstehen der Kleinfamilie und der starken Aufwertung des Kindes im frühen 19. Jahrhundert zu einer Mischung aus „Kinderbescherfest“ (Roland Wohlfart in seinem Buch Der braven Kinder Weihnachtswünsche) und einer Art Leistungsschau der Kinder.

Damit wurde der Heilige Abend im Kreise der Familie zum eigentlichen Höhepunkt des Jahres, bei dem der Weihnachtswunschbrief eine zentrale Rolle spielte: Er war Zeichen von kindlichem Dank, Fleiß und Bemühen und enthielt zugleich das Versprechen, auch im kommenden Jahr brav und folgsam zu sein. Gab es Weihnachtswunschbriefe zunächst wohl nur im (groß-)bürgerlichen Milieu, so fanden sie über bildungsbürgerliche Kreise ab den 1870er Jahren Einzug in fast alle gesellschaftlichen Schichten. Zahlreiche literarische Überlieferungen belegen, dass der Ablauf des Heiligen Abends einem festen Schema folgte:

  • Eingeleitet wurde das Fest durch das gemeinsame Schmücken des Weihnachtsbaumes am Nachmittag.
  • Hieran schloss sich eine Mahlzeit an, die je nach Region, familiärer Tradition und sozialer Stellung recht unterschiedlich ausfallen konnte.
  • Nach weiteren „Vorbereitungen“, die Kinder und Eltern unabhängig voneinander ausführten, war es endlich soweit: Auf Geheiß der Eltern durften die Kinder das Weihnachtszimmer betreten.
  • Zuerst sang man gemeinschaftlich Weihnachtslieder, woran sich eine Lesung aus dem Weihnachtsevangelium anschloss.
  • Nun kam der Höhepunkt des Festes, eingeleitet durch die Übergabe des Weihnachtswunschbriefes an die Eltern und begleitet durch den freien Vortrag des darin aufgeschriebenen Gedichtes.

In vielen literarischen Zeugnissen dieses Zeremoniells ist noch heute die Anspannung der Kinder zwischen konzentriertem Vortrag und dem sehnsüchtigen Blick zum Gabentisch spürbar. Denn die Geschenke erhielt das Kind selbstverständlich erst danach.

Die hohe Kunst der frühen Briefe

Weihnachtswunschbriefe sind in ihrer zeitgeschichtlichen Bedeutung sehr vielschichtig. Sie sind Zeugnisse eines vergessenen Brauchtums, zeigen das sich wandelnde Verständnis von der angemessenen Gestaltung eines Glückwunschbriefes und sie dokumentieren, was es in früheren Jahrhunderten bedeutete, Kind zu sein.

Weihnachtswunschbrief von Ernst Lotter aus dem Jahr 1828 © Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Matthias Hahn

Auch für die kleinen Autorinnen und Autoren waren sie von großer Bedeutung, denn für sie begann die Adventszeit mit der Auswahl des passenden Schmuckbogens. Wer nicht in der Lage war, sich der im Handel erhältlichen Erzeugnisse zu bedienen oder dies einfach auch nicht wollte, ging – wie beispielsweise Ernst Lotter – einen anderen Weg, der zugleich typisch für die Frühzeit der Weihnachtswunschbriefe ist. [Abb. links] Der im Jahre 1828 selbst verfertigte Glückwunschbogen besticht durch die kindliche Meisterschaft in der Ausführung. So zeigte der kleine Schreiber hier nicht nur sein schreibschriftliches Können, sondern zugleich sein gestalterisches Talent, indem er mittels Schrift und Schreibmeisterschnörkeln eine harmonische Text-Bild-Komposition auf das Blatt zauberte.

Sicher und gekonnt sind die zierlichen Buchstaben gesetzt, und auch der knifflige Zeilenausschuss, also die Länge der einzelnen Zeilen, überzeugt. Zudem wollte Ernst dadurch beeindrucken, dass er die einzelnen Strophen abwechselnd in deutscher Kurrentschrift und in lateinischen Buchstaben schrieb. Das Lob der Eltern dürfte ihm sicher gewesen sein. Aber es gab auch ganz andere, weit weniger aufwendige Weihnachtswunschbriefe – universell einsetzbare Glückwunschbogen mit fertig aufgedruckten Wunschformeln, bei denen nur der eigene Name zu ergänzen war. 

Der Wunschbrief wird zum Industrieprodukt

Im letzten Drittel des 19. Jahrhundert begann die industrielle Massenproduktion von Weihnachtswunschbogen. Denn im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung war es nunmehr technisch möglich, mehr oder weniger prächtige Druckerzeugnisse billig herzustellen. So entwickelte sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine regelrechte Flut von Schmuckbriefbogen mit Weihnachtsmotiven, deren Komposition und Bildinhalt dem Betrachter manchmal Rätsel aufgaben.

Dieser Weihnachtswunschbrief aus dem Jahr 1894 ist ein typisches Beispiel für bereits fertig gestaltete, industriell gefertigte Vorlagen. © Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Matthias Hahn

Zu dieser Art von Druckerzeugnissen zählt auch das nebenstehende Beispiel. Darin sind drei Kinder vor einem Gabentisch zu sehen, auf dem ein festlich geschmückter, monumentaler Weihnachtsbaum steht. Von rechts oben eilen Engel heran, deren vorderster ein mit Spielsachen gefülltes Füllhorn entleert. Ganz deutlich steht hier die Bescherung der Kinder im Mittelpunkt, während die räumlich fragwürdige Darstellung des Stalls von Betlehem in den Hintergrund tritt. In die gleiche Kategorie gehört ein Weihnachtswunschbogen, bei dem das kirchliche und das häuslich-familiäre Fest klar voneinander getrennt sind.

Dieser industriell hergestellte Brief von 1895 wurde mit einem aufgeklebten Schmuckbild verschönert. © Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Matthias Hahn

Dass an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die Qualität der Schmuckbogen meist abnimmt, ist eine direkte Folge der Massenproduktion. Gelegentlich fiel wohl selbst Kindern die gestalterische Armut dieser Billig-Schmuckbogen auf, so dass sie sie kurzerhand selbst aufhübschten – etwa durch Hinzufügen von Miniaturbildern (Oblate) mit dem noch heute beliebten Motiv der beiden Engel aus Raffaels Gemälde der Sixtinischen Madonna.

Wie aber gelangte man eigentlich an einen derartigen Schmuckbriefbogen? Und vor allem: Wer bezahlte ihn? Literarisch überliefert ist der Brauch, dass Kinder den Schmuckbogen in der Vorweihnachtszeit zusammen mit ihren Eltern auswählten und kauften. Andere Quellen sprechen davon, dass Pfarrer und Schullehrer ein Sortiment anboten, aus dem die Kinder wählen konnten. Die Preise waren von der Qualität abhängig, im Allgemeinen aber relativ günstig, so dass auch Kinder aus kleinbürgerlichen Schichten mit dem Geld von ihren Eltern einen derartigen Bogen kaufen konnten.

Die Rolle der Schule

Bei den Weihnachtswunschbriefen legten die Eltern viel Wert auf den Text, wenn auch weniger im Hinblick auf dessen Originalität. Die darin zu lesenden Gedichte und Lieder sind konventionell. Es handelt sich meist um beliebte Weihnachtsgedichte wie „Alle Jahre wieder“,  „Vom Himmel schwebt hernieder“, „Lobsinget und jauchzet heut Christus, dem Herrn“ oder das um die Mitte des 19. Jahrhunderts sehr populäre Gedicht „Du lieber, frommer, heil’ger Christ“, eine Dichtung des Schriftstellers  und Historikers  Ernst Moritz Arndt. Alle diese Gedichte erschienen ab den 1830er Jahren in gedruckter Form, entweder in Fibeln oder als spezielle anlassgebundene Gedichtbände. Überliefert ist aber auch, dass Pfarrer und Schullehrer den Kindern Eigendichtungen vorlegten, um den zur Verfügung stehenden Kanon zu erweitern.

Auf Schulbänken wie dieser sind zahllose Weihnachtswunschbriefe entstanden. © Stadtmuseum Berlin | Foto: Sebastian Ruff

Überhaupt die Schule! Ihr fiel im Zusammenhang mit dem Brauch eine zentrale Rolle zu. Sie war der Ort, wo man Schmuckbogen erwerben und Hilfe bei der Auswahl des Gedichts erhalten konnte  und wo diese Wunschbriefe von den Kindern geschrieben wurden. Man kann sogar sagen, dass es sich bei Weihnachtswunschbriefen weniger um freiwillige Liebesgaben der Kinder handelte, als vielmehr um eine pädagogische Übung. Im Mittelpunkt stand dabei der Text, und zwar nicht in erster Linie sein Inhalt, sondern vielmehr seine Form. Das Schönschreiben war nämlich im 18. und 19. Jahrhundert nicht nur ein Berufsstand, es war auch eines der wichtigsten Unterrichtsfächer in den Schulen. Dabei ging es nicht nur darum, das genormte Schreiben als notwendige Kulturtechnik zu erlernen. Der Schönschreibunterricht diente auch zur Einübung der damals zentralen Tugenden Sorgfalt, Sauberkeit und Disziplin.

Im Vordergrund stand das formgetreue Kopieren von Buchstaben(-folgen) und geometrischen Formen. Ziel war es, eine leserliche und flüssige Handschrift zu erlernen. Dabei galt es, den Tücken des Schreibens mit der schwer zu handhabenden Feder zu begegnen. Dass ein sauberes, exaktes Arbeiten (ohne Tintenkleckse!) auch eine „korrekte“ Körperhaltung erforderte, war ein willkommener Nebeneffekt des Schönschreibunterrichts. Das alles konnte nur durch viel Übung gelingen, so dass der Brauch des Weihnachtswunschbriefes einen willkommenen Anlass zu zusätzlicher Übung bot.

Zwischen Mühe und Angst

Sich auf die Breite des Papiers zu beschränken, blieb für die kleine Maria Grunewald eine Herausforderung. © Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Matthias Hahn

Schwierig wird das Schönschreiben vor allem, wenn es auf einem kostbaren, nur einmal vorhandenen Schmuckbogen gelingen muss. Man kann sich die Anspannung und die Angst der kleinen Schreiberinnen und Schreiber vorstellen, wenn sie nach mehrmaligem Vorschreiben auf neutralem Papier daran gingen, das Werk zu übertragen.

Das Schriftbild musste exakt und gleichmäßig sein, Kleckse und Schmierereien durften keinesfalls passieren und – vielleicht die schwierigste Herausforderung – die Verse mussten in voller Länge auf die begrenzte Breite des Papieres passen. Gerade hier lagen die Fallstricke, wie man deutlich bei den links abgebildeten Texten aus der Feder von Maria Grunewald sehen kann. Nur das Wort „schwebt“ ein wenig zu gespreizt geschrieben, und schon reicht der Platz für das letzte Wort der Zeile nicht aus. Auch drei Jahre später kämpft Marie noch mit demselben Problem, wie ihr 1897 geschriebener Text zeigt.

Die gegen Ende zunehmend zittrige Handschrift verrät die Panik infolge des in der vorletzten Zeile vergessenen Wortes. © Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Matthias Hahn

Besonders schlecht muss es einem uns unbekannten Schreiber oder einer Schreiberin des Jahres 1848 ergangen sein. Sein oder ihr hier ebenfalls abgebildeter Brief lässt das Bemühen um ein sauberes, gleichmäßiges Schriftbild erkennen. Aber dann, in der zweiten Zeile der letzten Strophe, wurde ein Wort vergessen, das nachträglich darüber geschrieben werden musste. Man sieht den darauf folgenden Worten die Panik geradezu an – das arme Kind! Natürlich gab es auch Naturtalente, wie beispielsweise Maria Philippi, der scheinbar mühelos eine klare und gleichmäßige Handschrift gelang, wie ihr Brief in unserer Bildergalerie weiter unten auf dieser Seite zeigt.

Wer schrieb die Wunschbriefe?

Was aber wissen wir über das Alter und die soziale Herkunft der Kinder, von denen die Weihnachtswunschbriefe stammten? Beides ist nicht leicht zu beantworten. Zwar ist bekannt, dass die Kinder meist zwischen sieben und zwölf Jahre alt waren, aber genaue Angaben fehlen meist. Bei den hier vorgestellten Weihnachtswunschbriefen lässt sich lediglich das Alter von Maria Grunewald genau bestimmen. Als sie die beiden in der Dokumentensammlung erhaltenen Briefe schrieb, war sie sieben bzw. zehn Jahre alt. Welcher sozialen Schicht sie angehörte, ist nicht bekannt.

Zumindest näherungsweise lässt sich das im Falle von Maria Philippi sagen, der Schreiberin des zuletzt gezeigten Textes, da sich in der Dokumentensammlung des Stadtmuseums Berlin weitere, dem Weihnachtswunschbrief zugehörige Schriftstücke befinden. Maria dürfte etwa zehn alt gewesen sein, als sie ihren Text wohl 1837 schrieb. Sie wohnte in Potsdam in der Französischen Str. 9 und war die Tochter des Geheimen Registrators Philippi aus bürgerlichem Hause.

Schlussbemerkung

Bei den gezeigten Weihnachtswunschbriefen stellt sich aus heutiger Sicht die Frage, welchem Zweck sie wirklich dienten. Waren sie einfach Ausdruck des kindlich-naiven Wunsches, Freude zu bereiten und Dankbarkeit zu zeigen? Sind sie Zeugnisse jener sogenannten schwarzen Pädagogik, die das Ziel hatte, durch autoritäre Erziehungsmethoden familiär-patriarchalische Strukturen zu zementieren? Oder waren die Weihnachtswunschbriefe eine – wie der Kunsthistoriker Torkild Hinrichsen meint – „erzieherische Leistungsschau am Jahresende – mit schwülstigen Dankesworten an die Eltern, die dann auch noch auswendig vorgetragen werden mußten“? Am Ende sind sie wohl von alledem ein wenig.

Oh Weihnachten, so schön der Schein...
Frohes Fest!

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