Die nur 10 Zentimeter lange, 6 Zentimeter breite und 3 Zentimeter hohe Kartonschachtel wurde in den mehr als 125 Jahren ihrer Existenz noch nie geöffnet. Auf der Oberseite hat sie ein Sichtfenster aus Glas, durch das die verkohlten, kleinteiligen Pflanzenreste im Inneren sichtbar sind. Nur ein handschriftlicher Vermerk auf dem Karton ermöglicht es, den Inhalt zu identifizieren:
„Verkohlte Kerne von Weintrauben aus dem Grabe des Menes zu Negada. 1897 von J. de Morgan entdeckt. G. Schweinfurth.“
Doch die äußere Form des Objekts erzählt nur einen Teil seiner Geschichte. Um seine Bedeutung zu verstehen, muss man die Herkunft betrachten.
Luxus für das Jenseits
In der altägyptischen Kultur war es Brauch, Verstorbenen für den Weg ins Jenseits Grabbeigaben mitzugeben. Diese konnten eine symbolische Bedeutung haben oder einfach wertvoll sein – wie zum Beispiel Trauben, die zu jener Zeit ein begehrtes Luxusgut waren. Ihr Fund deutet darauf hin, dass die bestattete Person einen hohen gesellschaftlichen Rang besaß. Vermutlich handelt es sich um ein Mitglied der Königsfamilie der ersten Dynastie. Verkohlt sind die Traubenkerne aufgrund eines Feuers in dem Grab, dass schon zu antiker Zeit in den Jahren vor 1.500 v. Chr. stattgefunden haben muss.
Von der Grabbeigabe zum Museumsobjekt
Um die Wende vom 19. Jahrhundert zum 20. Jahrhundert stand Ägypten unter britischer Kolonialherrschaft. In dieser Zeit fanden an vielen antiken Stätten des Landes archäologische Ausgrabungen statt – so auch in Neqada. Der Leiter der Ausgrabungen von 1896/97, der französische Ägyptologe Jacques de Morgan (1857 – 1924), fand die Kerne unter den Grabbeigaben. Er übergab sie 1897 zur Untersuchung dem befreundeten Berliner Forscher Georg Schweinfurth, der sie in einer Schachtel verwahrte und nach Europa brachte – vermutlich direkt nach Berlin. Es ist umstritten, ob Schweinfurth diesen und andere Funde alter Pflanzenreste für die Wissenschaft gerettet oder Ägypten um sein kulturelles Erbe beraubt hat.
Die Schachtel mit den Kernen kam 1988 als einer von zahlreichen Gegenständen aus dem Nachlass des Sammler-Ehepaars Wilhelm und Karola Schöffer ans Märkische Museum und somit in die Sammlung des Stadtmuseums Berlin. Es ist noch nicht bekannt, wie das Objekt in ihren Besitz gelangte und wo es sich in den Jahrzehnten zuvor befand.
Redaktionelle Bearbeitung: Heiko Noack
Grains of Memory – Kernfragen.
Ausstellung | 31.01.-08.02.2026
Das vorgestellte Objekt steht im Mittelpunkt einer Ausstellung in der Kiezkapelle Neukölln. Durch Filme, Kunst und partizipative Formate entsteht dort ein Raum zur Neubestimmung musealer Praxis, kuratiert von Student:innen des Master-Studiengangs Museumsmanagement und -kommunikation an der HTW Berlin.
Die Ausstellung
Grains of Memory – Kernfragen.
31.01. – 08.02.2026 | 12 – 19 Uhr
Kiezkapelle Neukölln
Hermannstr. 102
12051 Berlin
Tipp
Im Februar ist die Schachtel unser „Objekt des Monats“. Vier Wochen lang wird sie im Salon des Museums Ephraim-Palais präsentiert. Am 1. Februar um 11 Uhr laden wir beim „Sonntag im Nikolaiviertel“ außerdem zu einem Gespräch rund um das Thema ein.