Fons Brasser: Übersichtskarte der Berliner S-Bahn-Strecken mit Markierung der stillgelegten Stationen, 1980er Jahre
© & Repro: Stadtmuseum Berlin | Sammlung Brasser

Berlin Geisterbahn

von Ines Hahn

Der niederländische Fotograf Fons Brasser besuchte in den 1980er Jahren das geteilte Berlin. Mit seinen Fotos wurde er zum künstlerischen Dokumentar von dessen stillgelegten S-Bahnhöfen.

Fons Brasser: Olympiastadion. Olympiabahn, Fotografie, 13. Juli 1983
© Stadtmuseum Berlin
Als der Grafiker und Bildhauer Fons Brasser (geb. 1944 in Haarlem, Niederlande) im Jahr 1983 seinen in West-Berlin lebenden Künstlerfreund Armando (1929 –2018) besuchte, führte der ihn durch die von der DDR umgebene „Inselstadt“. Brasser war irritiert und zugleich fasziniert von dem riesigen Gelände des Bahnhofs Olympiastadion.

Der Anblick der einsamen, heruntergekommenen Bahnsteige entfachte sein künstlerisches Interesse für das einst modernste Nahverkehrssystem der Welt – und das, was mehr als 30 Jahre nach der politischen Teilung und 22 Jahre nach dem Mauerbau daraus geworden war. Fons Brasser entwickelte ein klares Konzept für sein erstes umfassendes Fotoprojekt, dem er den deutschen Titel „Berlin Geisterbahn“ gab und an dem er von 1983 bis 1986 arbeitete.
Seine fotografischen Arbeitsmittel waren eine Nikon-Kleinbild-Kamera mit Normalobjektiv und Schwarz-Weiß-Filme. Brasser wählte eine betont zurückhaltende, dokumentarische Bildsprache, wie sie von Fotografen der Neuen Sachlichkeit bekannt ist. Er achtete bei den Aufnahmen auf gleichmäßiges, neutrales Licht und mied auffällige Wolkenformationen und Sonnenlicht-Effekte. Ebenso wartete er für seine Aufnahmen auf Momente, in denen keine Menschen anwesend waren – nichts sollte vom Gegenstand seiner fotografischen Untersuchung ablenken.

In dem Auswahlprozess entstanden 59 Doppelbildnisse, jeweils zusammengesetzt aus einer Ansicht des Bahnhofsgebäudes bzw. -eingangs und einer Ansicht des Bahnsteigs – beide im Hochformat. Die Architektur ist in den Aufnahmen räumlich isoliert und weitestgehend ohne Bezug zum umgebenden Stadtraum dargestellt. Die Bahnsteige sind meist aus der Perspektive des Gleisbettes aufgenommen – von Standpunkten, die der Fotograf nur bei stillgelegten Bahn-Linien einnehmen konnte. Mit diesen gleichbleibenden fotografischen Stilmitteln lädt Brasser dazu ein, genau hinzuschauen und die portraitierten Bahnhöfe zu vergleichen. Dabei werden Ähnlichkeiten ebenso deutlich wie Unterschiede.
Kontaktbogen zur Fotoserie „Re-photography“, an der Fons Brasser von 1986 bis 2006 arbeitete, mit Aufnahmen vom 12. Dezember 1995
© & Repro: Stadtmuseum Berlin

Den Bildpaaren fügte der Fotograf lediglich den Namen der jeweiligen Station und der stillgelegten Bahnstrecke sowie das Tagesdatum der Aufnahme hinzu. Die abgebildeten Bahnhöfe werden dadurch zu „Tatorten“ der Geschichte, und die von Brasser dokumentierten Spuren von Verfall und Vandalismus zum Ausdruck des Kalten Krieges.

Redaktionelle Bearbeitung: Heiko Noack

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