20.08.2019

Neue Zeitgenossen im Stadtmuseum Berlin

Aktuelle Ankäufe aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie

Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa hat Werke von sechs Berliner Künstlerinnen und Künstlern an das Stadtmuseum Berlin übereignet. Die Werke wurden auf Vorschlag der Förderkommission Bildende Kunst erworben, an der auch Kuratoren des Stadtmuseums Berlin mitarbeiten.

Die Stiftung Deutsche Klassenlotterie bewilligte insgesamt 250.000 Euro Ankaufmittel für verschiedene Berliner Sammlungen zeitgenössischer Kunst, die selbst über keinen Ankaufsetat verfügen. Eine wunderbare Möglichkeit, jüngere und innovative künstlerische Arbeiten zu erwerben sowie vorhandene Sammlungen durch Werke renommierter Künstlerinnen und Künstler zu ergänzen.

Die Ankäufe für das Stadtmuseum Berlin im Gesamtwert von 85.000 Euro umfassen Werke von Kurt Buchwald, Betina Kuntzsch, Karl-Ludwig Lange, Christiane Möbus, Frank Schirrmeister und Trak Wendisch.

Kurt Buchwald: aus der Serie „End of History“, 1994/2016 (Pigmentdruck auf Papier) © Kurt Buchwald

Kurt Buchwald

Kurt Buchwald (* 1953 in Wittenberg) kam während seines Ingenieurstudiums an der damaligen TH Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) in Kontakt zu der Künstlergruppe „Clara Mosch“ und begann dort mit künstlerischer Fotografie und Aktionen. Seit Abschluss des Studiums und dem Umzug nach Berlin befasst er sich mit konzeptueller Fotografie, die er immer wieder mit Aktionskunst verbindet (z.B. 1993 der Gründung des „Amts für Wahrnehmungsstörung“). Buchwald war seit 1986 Mitglied im Verband Bildender Künstler (VBK) der DDR und freischaffend tätig. 1989 war er Meisterschüler bei Lothar Reher an der Akademie der Künste, Berlin.

Die beiden Arbeiten „End of History“ (1994) und „Bernauer Straße“ (2008 und 2011) bereichern die Sammlung des Stadtmuseums Berlin, da sie zusammen mit dem bereits vorhandenen Werk „Ein Tag in Berlin“ (1986) erlauben, Buchwalds sehr eigene künstlerische Position in verschiedenen Phasen öffentlich sichtbar zu machen. Beide Werke beziehen sich zudem auf historische Themen (Berliner Monumente) und Orte (Berliner Mauer), was für künftige Ausstellungen der Institution von Bedeutung ist.

Stills aus Betina Kuntzschs Video „Halmaspiel“, 2017 (15 Minuten) © Betina Kuntzsch

Betina Kuntzsch

Betina Kuntzsch (* 1963 in Berlin) studierte von 1983 bis 1988 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Rolf Felix Müller sowie Rolf Münzner und machte ihr Diplom in Buchgestaltung mit einer Videoarbeit. Sie war 1990 Mitgründerin des Vereins für Videokunst und Multimedia Berlin und erhielt seit 1991 Förderungen der Stiftung Kulturfond, der VG Bildkunst, des Berliner Kultursenats und der Deutschen Filmförderungsanstalt. Ihre Dokumentar- und Animationsfilme, grafischen Arbeiten sowie ihre Installationen waren seit 1990 regelmäßig in Gruppen- und Einzelausstellungen zu sehen. Kuntzsch ist mit Videoarbeiten in den Sammlungen des Museums Ludwig (Köln) und des Videoforums des Neuen Berliner Kunstvereins vertreten.
In dem Film „Halmaspiel“ collagiert sie Artefakte aus dem Nachlass ihrer Mutter und gesammelte bzw. künstlerisch verfremdend nachempfundene Gegenstände der Zeitgeschichte. Sie verdichtet die konkrete Biografie in sehr prägnanten Stop-Motion-Animationen zu einem Zeitpanorama vor dem Hintergrund von Mauerbau und Wiedervereinigung.

Diese Arbeit ist für das Stadtmuseum Berlin von besonderem Interesse, da sie Aspekte der Geschichte „in drei Deutschlands“ durch den Fokus einer Alltags- und Familiengeschichte in Berlin beleuchtet.

Karl-Ludwig Lange: Fotografien aus der Serie „The Gate is Open", 1989-2002 (Barytpapier hier Kopie aus dem Arbeitsbuch) © Karl-Ludwig Lange

Karl-Ludwig Lange

Karl-Ludwig Lange (* 1949 in Minden) ist seit mehr als 45 Jahren einer der beharrlichsten Berliner Fotografen, deren Thema die Veränderungen der Stadtgestalt und damit die Geschichte der Stadt ist. Eines seiner ersten Langzeitprojekte, „Ehemals genutzte Gebiete“ (1973–1988), steht leitmotivisch für seine Arbeit als Stadtfotograf. Wie der Historiker Benedikt Goebel anlässlich der umfassenden Personalschau in zehn Berliner Museen und Galerien 2014/15 schrieb, ist für Lange „die gesamte Stadt ein ‚ehemals genutztes Gebiet‘, eine ehemals andere Stadt. Lange sieht die Stadt mit einem zweiten Gesicht. Er ist ein visueller Archäologe.“
Der Foto-Essay  „The Gate is Open“, bestehend aus 111 Bildern der Jahre 1989–2002, kreist im Kern um den Hackeschen Markt und die Spandauer Vorstadt. Ausgelöst durch die Ereignisse des Novembers 1989 lässt Lange in seinen Bildessay Straßen und Orte innerhalb des von Krieg, Teilung und Verfall geschundenen Bezirkes Mitte einfließen, die im Beobachtungszeitraum eine rasante Metamorphose erfahren haben. Symbolhafte Einzelbilder wechseln mit Bildpaaren, Panoramen und fast filmischen Alltagsbeobachtungen, Totalen wechseln mit Detailaufnahmen. Der erste Teil des Essays („In einem anderen Land“) konnte bereits 2018 erworben werden, 2019 gefolgt vom zweiten Teil „Hackescher Markt – Rosenthaler Straße“ mit Bildern aus den Jahren 1992-2002.

Das Stadtmuseum Berlin verfolgt mit dem Erwerb dieser Arbeiten sein Ziel, verschiedene künstlerisch-dokumentarische Handschriften der Stadtfotografie systematisch zu dokumentieren und für die Nachwelt zu erhalten.

Christiane Möbus' Werk „Männersache", 2018 (3 präparierte Hähne der Hühnerrasse Phönix)

Christiane Möbus

Christiane Möbus (* 1947 in Celle) studierte von 1966 bis 1970 an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig bei Emil Cimiotti und war 1970/71 als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in New York. Die Künstlerin erhielt Professuren an den Hochschulen der Bildenden Künste in Hamburg (1981/82), Braunschweig (1982–1990) und zuletzt an der heutigen Universität der Künste in Berlin (1990–2014). Sie lebt und arbeitet in Berlin. Am 27. September 2018 verlieh ihr die Stadt Berlin den Hannah-Höch-Preis. Damit wurde ein Lebenswerk gewürdigt, das eine lange Reihe von konzeptgebundenen und oft immateriellen Kunstprojekten umfasst.
Aus Anlass der Preisverleihung erdachte und schuf Christiane Möbus neue Kunstwerke, die im Rahmen einer Ausstellung im Museum Nikolaikirche des Stadtmuseums Berlin unter dem Titel Holzauktion präsentiert wurden. Darunter befand sich auch die nun erworbene Werkgruppe „Männersache“. Sie besteht aus drei Hähnen, die die Künstlerin an verschiedenen Orten in der Nikolaikirche positionierte. Dabei handelt es sich um echte Tierpräparate, wie häufig von ihr verwendet.

Zeitgenössische Kunst mit historischer Überlieferung zu verbinden, wie hier im Museum geschehen, ist eines der Ziele des sich weiterentwickelnden Stadtmuseums Berlin.

Frank Schirrmeister: Fotografie aus der Serie „Die leere Stadt“, 2007-2001 (Tintenstrahldruck auf Papier) © Frank Schirrmeister

Frank Schirrmeister

Frank Schirrmeister (* 1968 in Berlin) studierte Geschichte und Ethnologie an der Humboldt Universität zu Berlin sowie Filmwissenschaft an der University of East Anglia in Norwich, England. Dem schloss sich ein Studium an der Ostkreuzschule für Fotografie an, das er 2007 mit der Diplomarbeit „Feierland“ bei Ute Mahler abschloss. Zudem war er 2008/09 in der Meisterklasse bei Arno Fischer.
Seit 2007 fotografiert Schirrmeister seine Heimatstadt in den frühen Morgenstunden mit der Großbildkamera. Die „Leere Stadt“ zeigt Momentaufnahmen von Berlin und macht die Stadt als solche zum Protagonisten, indem der Fotograf die Ruhe vor und nach dem hektischen Alltagstreiben einfängt. Er dokumentiert dabei einen Ist-Zustand Berlins, der sich innerhalb kürzester Zeit radikal verändern wird. Berlin befindet sich in beständigem Wandel. Von Schirrmeister fotografierte Baulücken sind nun bereits gefüllt, andere Orte existieren schlichtweg nicht mehr, Baustellen zeugen vom rasanten Wandel des Berliner Stadtbildes. Die Fotografien sind somit auch die Zustandsbeschreibung einer Stadt, die ständig neue Formen annimmt.

Die Fotografische Sammlung des Stadtmuseums Berlin setzt seit 1874 einen Schwerpunkt auf fotografische Positionen, die sich mit dem Bild der Stadt auseinandersetzen. Die Arbeit von Frank Schirrmeister ergänzt sie um eine aktuelle Facette.

Trak Wendisch: „Stadt (Berlin) III“, 2018 (Relief in Wabenpappe) © Trak Wendisch

Trak Wendisch

Trak Wendisch (* 1958 in Berlin) studierte von 1977 bis 1982 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Dietrich Burger und Bernhard Heisig. 1985 war er Meisterschüler an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei Gerhard Kettner. Seit 1983 ist er freischaffend; er lebt und arbeitet in Berlin. Angeregt durch den Syrienkrieg schuf er zahlreiche Skizzen, die die Zerstörung und den Verlust von Heimat thematisieren. Auf der Grundlage dieser Zeichnungen entstand die großformatige Werkgruppe „Stadt“, aus der die erworbene Arbeit stammt. Der Künstler thematisiert darin assoziativ die Zerstörung Berlins während des Zweiten Weltkriegs.

Für das Stadtmuseum Berlin ist „Stadt III“ eine wichtige Sammlungsergänzung. Das Bild thematisiert wie kaum ein anderes Werk im Bestand der Institution zugleich Zerstörungen in Folge von Krieg im Allgemeinen wie auch die Verwüstung Berlins im Zweiten Weltkrieg im Besonderen. Es korrespondiert auf nachdrückliche Weise mit der bereits in der Sammlung befindlichen großformatigen Radierung „Germania I“ von Michael Wutz (2008), die die Speersche Stadtplanung als Vorstufe zum „totalen Krieg“ begreift. „ Stadt III“ ist also ein wichtiges künstlerisches Dokument zur Geschichte Berlins, verweist aber durch den Anlass seiner Entstehung zudem auf eine der Ursachen der gegenwärtigen Migrationskultur, die das Stadtmuseum Berlin seit Jahren zunehmend berücksichtigt.

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