Juli 2016

Aufbruch aus Ruinen

70 Jahre Wiedereröffnung des Märkischen Museums

Nach sechs Jahren Krieg öffnete am 12. Juli 1946 das im Zweiten Weltkrieg geschlossene Märkische Museum wieder seine Tore für die Menschen aus der von Tod und Zerstörung gezeichneten Stadt. Trotz schwerster Schäden an dem 1908 eingeweihten Gebäude und obwohl große Teile der Sammlungen bei Kriegsende vernichtet oder verschollen waren, stand es der Bevölkerung damit als zweites Berliner Museum nur ein Jahr nach der deutschen Kapitulation wieder offen. Zum 70. Jahrestag der Wiedereröffnung erinnern wir anhand von zeitgenössischen Bildern und Dokumenten an Kriegszerstörung, Neubeginn und die Folgen, die davon noch heute zeugen.

Ein trügerisches Idyll: das Märkische Museum auf einer Bildpostkarte des nationalsozialistischen Künstler-Hilfswerks von 1937 © Stadtmuseum Berlin

Kriegswolken am Horizont

Angesichts der zunehmenden Gefahr eines Krieges beginnt die Leitung des Märkischen Museums im Sommer 1939 damit, Maßnahmen zum Schutz ihrer einzigartigen Sammlung Berliner Kultur- und Kunstgüter zu treffen, die in dem weithin sichtbaren Museumsbau zwischen zwei strategisch wichtigen Brücken hochgradig bedroht erscheint. Das neu errichtete Reichsbank-Gebäude in der Kurstraße bietet dafür gute Voraussetzungen: Tiefe Luftschutzkeller versprechen dort hinreichenden Schutz vor Bombenangriffen. 

Schon am Tag nach Kriegsbeginn wird damit begonnen, die Objekte aus dem Märkischen Museum und aus der Außenstelle im Ermelerhaus an der Breiten Straße in die Reichsbank zu transportieren. Wegen des immensen Bedarfs der kriegführenden Wehrmacht an Transportfahrzeugen sind für den Umzug keine LKW vorhanden, deshalb behilft man sich mit einem Trick: Unter der Behauptung „auf höheren Befehl“ zu handeln wird ein vorbeifahrender „Tempowagen“ – ein dreirädriger Kleintransporter – auf der Straße gestoppt und für eine Woche dienstverpflichtet. In schwerer körperlicher Arbeit verfrachten die Museumsaufseher binnen weniger Tage die wuchtigen Kisten mit Museumsgut in die Reichsbank.

Rettungsversuche im Bombenkrieg

Zunächst bleiben die befürchteten Bombenangriffe auf die deutsche Hauptstadt aus. Ab Anfang 1943 setzen sie jedoch umso heftiger ein. Eine Bombe zerstört die Hauptwasserleitung des Reichsbankgebäudes, in den Luftschutzkellern steht das Wasser 25 Zentimeter hoch. Die Museumsleitung erfährt erst nach einer Woche davon, handelt aber sofort: Zahlreiche Kisten werden nach Lübbenau im Spreewald verfrachtet und dort im Keller des Schlossmuseums deponiert. Im Luftschutzkeller der Reichsbank bleibt nur, was unempfindlich gegen Nässe ist, darunter vor allem vorgeschichtliche Objekte. 

Der ausgebrannte Turm des Märkischen Museums auf einem Foto aus der Nachkriegszeit © Stadtmuseum Berlin

In Berlin geht der Bombenkrieg indessen weiter. Wichtige Teile der Grafiksammlung, die zum Schutz unterhalb des Turmes eingemauert worden sind, werden durch einen Bombenvolltreffer vernichtet. Bei den Angriffen kommen auch Menschen, die in den Katakomben des Museums Schutz gesucht haben, ums Leben.

Das Märkische Museum ist kein sicherer Ort mehr für die verbliebenen Objekte, darunter die Bestände der unter der Großen Halle gelagerte Bibliothek. Die NS-Behörden drängen darauf, die Bücher in die ostbrandenburgische Neumark oder ins Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei zu bringen – angesichts der vorrückenden Roten Armee aus Sicht der Museumsleitung eine trügerische Sicherheit. Doch allen Bedenken zum Trotz werden Teile der Bibliothek ins böhmische Schloss Friedland evakuiert. Der Großteil der Bibliothek gelangt auf dem Wasserweg nach Raduhn bei Schwedt an der Oder .

Vieles muss trotzdem in der vom Krieg heimgesuchten Stadt verbleiben. So gelangen einige sehr wertvolle Gemälde, unter anderem von Joachim Martin Falbe und Antoine Pesne, in den großen Flakbunker am Zoo. Anderes wird im Flakturm Humboldthain untergebracht. Am Ende hat die Museumsleitung dabei kaum noch etwas mitzureden, Parteifunktionäre der NSDAP herrschen nach Gutdünken. Wenig später ist es damit vorbei – die Rote Armee nimmt Berlin ein.

Blick von der Freitreppe im zerstörten Museumshof auf geborstene Mauern und Gemüsebeete, 1946 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Albert Vennemann

Neubeginn inmitten von Trümmern

Der Direktor des Märkischen Museums, der Kunsthistoriker Walter Stengel, erlebt das Kriegsende im Mai 1945 in seinem Haus in Schöneiche, südöstlich von Berlin. Mit Glück überlebt er den Einmarsch der Sowjets, die tatsächliche und vermeintliche Angehörige des NS-Regimes verhaften oder erschießen. So schnell er kann, begibt er sich zu Fuß über teils zerstörte Verkehrswege ins mehr als 20 Kilometer entfernte Berlin. Dort findet er das Märkische Museum verwüstet vor. So wie weite Teile von Berlin 1945 in Trümmern liegen, sind auch der Turm und das angrenzende Verwaltungsgebäude ausgebrannt, überall fehlen die Dächer. Wände sind durchlöchert oder eingestürzt, die Fenster zerborsten.

Auch im Innern zeigt sich ein Bild der Verwüstung, bei Kerzenlicht erkundet Museumsdirektor Stengel das Museum bis hinunter in die überschwemmten Kellerräume. Ohnehin zum Bersten gefüllt mit Kisten aus den Museumsdepots und mit privaten Besitztümern der Museumsangestellten, sind hier in den letzten Kriegstagen noch weitere Habseligkeiten von der verängstigten Bevölkerung in Sicherheit gebracht worden. Vergeblich: Überall sind im Chaos des Untergangs Kisten und Schränke aufgebrochen worden, was nicht geplündert wurde, liegt zertrampelt und verstreut.

Das Dach wird instandgesetzt. Die Feuerglut hat die Stahlträger der Dachkonstruktion schmelzen lassen. © Stadtmuseum Berlin

Davon unbeirrt beginnt Stengel mit dem Wiederaufbau seines Museums. Es gelingt ihm, den bisherigen Depotverwalter und Museumstischler Georg Albrecht – einen Weggefährten aus 20 Jahren mit großem technischem Geschick – zur Rückkehr als Museumsinspektor zu bewegen. Unterstützung bekommen sie von zwei Aufsehern, einer jungen Assistentin und der langjährigen Bibliothekarin, die jedoch bald darauf an Erschöpfung stirbt. Unermüdlich beginnen die Männer und Frauen mit der Beseitigung von Schutt und bergen, was aus den Trümmern noch zu retten ist, um das wie tot darniederliegende Museum wieder zum Leben zu erwecken. 

Verloren, verschollen, gerettet

Ganze Abteilungen des ursprünglichen Museums sind im Krieg verloren gegangen. Von der naturwissenschaftlichen Sammlung etwa ist kaum etwas übrig, ihre kümmerlichen Reste werden an das Naturkundemuseum abgegeben. Die prähistorische Abteilung hat zwar im Luftschutzkeller der Reichsbank Krieg und Kapitulationswirren überstanden. Doch bevor sie geborgen werden kann, werden die Kisten von Plünderern aufgebrochen, die Objekte teils gestohlen, der Rest über den Boden verstreut. Was gerettet werden kann, lässt die Museumsleitung außerhalb des sowjetischen Sektors in Sicherheit bringen. 

Mit Muskelkraft und einfachsten Hilfsmitteln heben Museumsmitarbeiter den geretteten Bronzeadler von August Gaul an seinen neuen Standort im Museumshof © Stadtmuseum Berlin

Und das sind längst nicht alle Verluste. Die im geplünderten Zoobunker gelagerten Bilder sind bis auf eine einzige Ausnahme nicht mehr aufzufinden. Die kostbare Silbersammlung ist fast vollständig vernichtet. Unersetzliche Gemälde, Grafiken und Zeichnungen sind verbrannt, darunter erst kürzlich erworbene Skizzen des preußischen Baumeisters Friedrich Gilly. Die Paletten des Malers und Grafikers Adolph Menzel sind erhalten geblieben, doch sein Maltisch und andere Objekte aus seinem Atelier sind verloren. Verschollen sind auch wertvolle Manuskripte von Theodor Fontane

Anderes ist der Vernichtung zum Teil nur knapp entgangen. So wurden zwei wertvolle Bronzeobjekte davor bewahrt, für den unersättlichen Rohstoffbedarf der deutschen Kriegswirtschaft eingeschmolzen zu werden: ein bronzener Pferdekopf der Quadriga vom Brandenburger Tor – das einzige erhaltene Fragment des Originals von 1793 – sowie ein von dem Tierbildhauer August Gaul geschaffener Bronzeadler vom Nationaldenkmal vor dem Berliner Schloss.

Erste Schritte in die neue Zeit

Im Sommer 1946 ist es so weit: Am 12. Juli werden immerhin fünfzehn Räume des traditionsreichen Museums für die Berliner Bürgerinnen und Bürger zugänglich gemacht. Die wenigsten von ihnen dürften sich darüber klar sein, was alles fehlt. Sie erwartet ein Museum „light“. 

Berlins erster Nachkriegs-Oberbürgermeister Arthur Werner (links) und Museumsdirektor Walter Stengel (rechts) bei der Wiedereröffnung des Märkischen Museums am 12. Juli 1946 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Peter Cürlis

Die ersten Besucherinnen und Besucher betreten das Märkische Museum über den Museumshof, denn der zur Waisenbrücke ausgerichtete Haupteingang mit der Nachbildung des Brandenburgischen Roland liegt noch in Trümmern. Als endlich wieder das ganze Erdgeschoss zur Verfügung steht, wird das rückwärtige Tor geöffnet. Auch im Innern des Museums hat sich einiges verändert. Der große Saal, der einer gotischen Kirche nachempfunden ist, erscheint der Museumsleitung nach der Vernichtung der meisten einst dort ausgestellten Kunstschätze nutzlos. Darum wird auf halber Höhe des Raums eine Zwischendecke eingezogen. Im oberen der so entstandenen niedrigen Räume entsteht ein Mehrzwecksaal, im unteren ein Magazin. 

Bis zur Wiedervereinigung sollten diese baulichen Veränderungen Bestand haben. Nach dem Mauerfall wurden umgebaute Bereiche des Museums in ihren Ursprungszustand zurückversetzt und verfallene Gebäudeteile wieder aufgebaut. Auf eine umfassende Sanierung wartet das traditionsreiche Haus bis heute. Aber nicht mehr lange: Im Herbst 2016 beginnt das Märkische Museum schrittweise damit, sich konzeptionell und baulich für das 21. Jahrhundert fit zu machen.

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Heiko Noack

Online-Redaktion

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