Augenzeugenbericht | Rudolf Lorenzen, Jahrgang 1922

Einblick ins Milljöh. Dichterlesungen in Kreuzberg

Da sitzt er, Kurt Mühlenhaupt, Trödler, Maler, Dichter, Star der Kreuzberger Schnapsbrüder, Herzstück der Boheme, an die fünfzig Jahre alt, klein, rund, selbstbewußt, sein Bart ist struppig, sein Hut ist speckig, Anekdoten umranken ihn. Kneipenwirt Poldi hat für ihn das Zodiak geräumt, die Kiffer hat er in den Vorraum verwiesen, dort lümmeln sie sich verbissenverträumt in Sofas und Sesseln, nehmen von der Attraktion des Tages keine Kenntnis.

Man feiert zehn Jahre Künstlerviertel, doch das nur am Rande. Kaum einer erinnert sich der Anfänge in der Galerie Zinke, erinnert sich der nackten, trüben Glühbirne in der Jägerklause gegenüber. Damals gab es noch keine Künstlerlokale. Die Boheme hatte noch keinen Hofstaat, war noch nicht domestiziert. Angewiesen war man noch auf jene Ganovenzeichen, die den Underground-Ursprung der Galerie offenbarten: die Schnecke, die beiden Senkrechten, die Waagerechte – Hier laß dir’s wohl sein! Hier bekommst du was für Arbeit! Hier kannst du pennen!

Das war im Herbst 1959, zu den Künstlern Günter Anlauf und Sigurd Kuschnerus gesellten sich die Malerpoeten Günter Bruno Fuchs und Robert Wolfgang Schnell. Es war die Geburtsstunde einer Kreuzbergdichtung, romantisierter Sauf - lieder im Rhythmus von Kinderreimen. Und so sind alle Verse, Texte und Bücher – das Kindliche ist als Grundton erhalten geblieben in einer naiven, arglosen Welt, die Sehnsucht nach Kindheit ist in aller Saufseligkeit nie verloren gegangen. Mit immer neuer Unbefangenheit war dies Thema jeder Dichterlesung; niemand fühlte sich bedrückt in den niedrigen Fabrikräumen, hinter den Stahltüren – bald aber schon spielte sich das eigentliche Leben in der Jägerklause gegenüber ab, weil ja Gedanken zur Kunst viel vehementer kommen, kann man mit Freunden einen »abtrinken«.

Die Zinke war einzigartig, war Rarität, dazu in einem Bezirk der Großstadt, der Raritäten, Originale und Kuriosa hervorzubringen oder zu integrieren bestens geeignet war. Hier, wo man – einmalig im flachen, norddeutschen Raum – einst mutig genug war, Wein anzubauen, entstand in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bedrückende, massig-monotone Arbeiterstadt, baumlos die Straßen, streng kontrolliert durch Kasernen. Die Fassaden der Häuser – symmetrisch mit Ornamenten versehen im Schinkelschen Neoklassizismus – machen vergessen, daß sich dahinter mitunter drei oder vier Höfe verstecken müssen, lichtlos und gerade so knapp bemessen, daß ein Feuerlöschwagen Platz zum Wenden hatte. Die Jahrhundertwende setzte in Kreuzberg entschlossen Akzente: Berlins Hochbahn. Eisenträger, Verstrebungen und Bögen spiegeln sich gemeinsam mit kargen Büschen im Wasser des Landwehrkanals – eine urbane Romantik, schwermütig noch heute, geht der Blick über stillgelegte Eisenbahngleise und verödete Fabrikanlagen. In diesem Kreuzberg, das im Norden an die Mauer grenzt, und in dem der Verfall, morbiden Reiz ausstrahlend, längst eingesetzt hat, drängt das Leben aus den engen Wohnstuben hinaus auf die Straße, hier gibt es noch Marktidylle, gibt es Mief und Kneipen. Hier kann man nur mit anderen leben, wenn man gegen sie anlebt, hier kann Einsamkeit sein, auch inmitten der Menschen. Jeder ist sich und dem anderen Motiv und Anlaß – was Wunder, daß die Kreuzberger Künstler zufrieden sind? Ihre Welt ist schon die ganze Weltgeschichte.

Darum muß es auch in Kreuzberg so sein, daß sich die Künste ineinander verzahnen, daß der Poet nicht ohne den naiven Bildermaler auskommt, daß der Bänkelsänger Lieder über die vielen Bilder kennt, eines schmückt das andere, kann nicht ohne es sein – Kreuzberg ist total! Jedem wird das auf jeden Fall beim Saufen klar. Auch in der Zinke war das so, und mindestens Günter Bruno Fuchs verifizierte die Zinkenversprechen, lag während mancher Lesung berauscht und schnarchend am Boden. Prominente Gäste lasen. Eines Nachts, im ersten Jahr nach der Gründung, las auch Günter Grass aus seinen Gedichten – bei Flötenmusik, im Fensterrahmen sitzend, ein Bein draußen, eins drinnen, Spektakulum für das kunstfreudige Publikum in Hof und Galerie, doch das unmusische Kreuzberg aus den umliegenden Wohnungen wollte es nicht so: Der »Babysitter-Boogie« auf stereophonem Plattenspieler trug schließlich den Sieg über die Live-Szene davon.

Anderthalb Jahre ging das mit der Zinke, dann war sie von Bier und Schnaps unterminiert, und das Kreuzberger Volk zog in den Leierkasten. Trödler Kurtchen Mühlenhaupt – später um seiner naiven Malerei willen zuerst von Fuchs und Schnell gerühmt – hatte im 60er Jahr dieses ungemütliche, gleichwohl besitzergreifende Bilderlokal aufgemacht, gemeinsam mit einem liebsten Modell, der dicken Rosi. Nicht lange, und Kreuzberg war ein einziger Leierkasten. Kurtchen erfand schnell noch den ersten Kreuzberger Bildermarkt, dann begann auch er zu schreiben, trug das in seiner Kneipe vor, war mithin ein Dichter nun auch.

Inzwischen hatten Hertha und Ingo Fiedler die Kleine Weltlaterne eröffnet, und hier bildete sich nun eigentlich fast so etwas wie Heimatliebe und Kreuzberg-Folklore heraus. Hertha – alleweil in Nüchternheit, und somit ein Kontrast-Original – bot zu ihren Ausstellungen, vortrefflich und präzis organisiert, Dichterlesungen, bot ambitionierten Unbekannten mehr und mehr ein überregionales Forum.

Zu den Bildern von Artur Raake, »Märchen« genannt, liest Robert Wolfgang Schnell aus seinem Roman »Geisterbahn«, der natürlich auch in Kreuzberg spielt, und alles spielt mit, die Marktidyllen, der Mief und die Kneipen, die Penner, die Schnapsbrüder, die Künstler und selbstverständlich alle Freunde – jeder kann sich wiedererkennen. Wolfgang Graetz liest, und Hans Häußler liest, und Ulf Miehe und Nicolas Born und Gert Loschütz lesen, und alle trinken und lesen und trinken.

V. O. Stomps verläßt seine Eremitenpresse im Taunus und siedelt über nach Berlin, wo er die Neue Rabenpresse gründet, und selbstverständlich liest auch er. Bald schon hat es in Kreuzberg ein zweites dieser schwarzen Etablissements: neben der Neuen Rabenpresse die Werkstatt Rixdorfer Drucke, aus suggestivem Faible für das Altberlinische so getauft nach einem längst umbenannten Bezirk. Im Hinterhof der Oranienstraße Nummer 20 drucken und verlegen seit dem Herbst 1963 Günter Bruno Fuchs und Josi Vennekamp, bald danach auch Ali Schindehütte, Arno Waldschmidt und Uwe Bremer, ihre mittlerweile berühmt gewordenen Rixdorfer Bilderbogen, illustrieren vergessene und junge Dichtung.

In solcher Nachbarschaft sind natürlich auch Verlage anzutreffen, und da in Kreuzberg alles so ein bißchen einzig oder doch zumindest individuell ist, sind das denn auch meist Einmannverlage. Mühlenhaupt druckt seine bildhaften Erzählungen so ganz allein an altertümlicher Bostonpresse, und Polyphem sinnt lange, bevor er aufmerksamen Freunden wieder wunderschön Gedrucktes in die Hand gibt.

Im Frühjahr 1967 beginnt das vielwöchige Unternehmen »Berliner Dichter zu Gast in der kleinen Weltlaterne«, Volker von Törne, Rolf Haufs, Peter O. Chotjewitz, viele andere lesen, Jürgen Beckelmann, auch Annemarie Weber – nach ihrer offiziellen Lesung beim Kunstamt Kreuzberg verfiel auch die Schriftstellerin aus dem feinen Westend der Weltlaternen - Atmosphäre – Robert Wolfgang Schnell, Horst Tomayer, F.C. Delius … Rauchbeißend, bierdunstig, dicht gepreßt schon um acht Uhr abends, keiner kann mehr rein, wirklich nicht, Bier wird vergossen und betrauert, Automatenmusik dröhnt laut, dort gibt es kleiderzerrende Versuche zueinanderzukommen, noch immer hat es nicht angefangen, bald braucht man die Dichter schon gar nicht mehr. Da – so viel, zu viel später – sitzt endlich einer auf der Theke, lange Zeit ohne Mikrofon, hat er die Gunst der Stunde sehr nötig: Wird er noch eine gerechte Resonanz finden?

Auch die Wiener kommen dazu, H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Gerald Bisinger – alle, die hier in Berlin einen »Alltags- Jugendstil« in der Luft und die Kneipen an der Ecke so lieben. Kneipen gibt es nun auch in Kreuzberg genug, immer neue Bilderlokale werden eröffnet, am erfolgreichsten noch Poldi Ungers Malkiste und die Meisengeige von Wolfgang Graetz. Zu einem Marathonlesen für Kurt Neuburgers 65.Geburtstag lesen er selbst und andere ohne Pause 65 Stunden lang aus Neuburgers OEuvre – erzählt man sich. Alf Trenk zeigt komisch düstere Fotografien von Nutten, Pennern, Originalen. Bänkelsänger ziehen noch immer von Kneipe zu Kneipe, Elke & Alexander, inzwischen berühmt; und auch die Insterburgs fingen hier mal an – mit Jux und Nonsens über Goethe.

Und weil immer wieder Neues geschrieben wird, und das auch gelesen werden muß, gibt es immer neue Dichterlesungen. All dies aufzuarbeiten, ersinnt Poldi kurzerhand das »1.Berliner Kurzgeschichtenfestival«, lädt dazu alle in sein Zodiak. Drei Tage lang wechseln 20 Autoren den Platz auf dem Podium, ausgeleuchtet, tongesteuert. Presse und Jury haben reservierte Plätze, alles scheint fast schon etabliert, in der ersten Nacht geht keiner ohne einen eigens auf ihn zugeschnittenen Preis aus, danach aber gewinnt das saufselige Kreuzberg wieder
die Oberhand.

Gebrauchskunst, schöne Bilder und Verse, zweckfreie Malerei: Kreuzberg in seiner Spielfreude, Schlamperei, Kauzigkeit und Kunstfertigkeit – kein Schwabing, kein Montmartre darf es je werden, Kreuzberg darf nicht über schwemmt werden vom Tourismus, dessen nivellierendes Spezifikum schon immer war, die Originale zu vertreiben und Bizarres einzuebnen in eine Wüstenei, die allenfalls noch originell zu nennen ist. (1970 | © Verbrecher Verlag)

 Rudolf Lorenzen wurde am 5.2.1922 in Lübeck geboren und wuchs in Bremen auf. Er besuchte das Realgymnasium und machte eine Ausbildung zum Schiffsmakler. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs studierte er Grafik und arbeitete anschließend in der Werbebranche. Seit 1955 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin, der neben Romanen - "Alles andere als ein Held", 1959, "Die Beutelschneider", 1962, "(Grüße aus) Bad Walden", 1981 (Neubearbeitung 2009), "Cake walk oder Eine katalanische Reise in die Anarchie", 1999, und "Ohne Liebe geht es auch", 2010 - und Erzählungen vor allem zahlreiche Arbeiten für Hörfunk und Fernsehen geliefert hat. Anfang der 60er Jahre lehnte er eine Einladung der Gruppe 47 ab, er gehörte auch sonst keiner Schriftstellergruppe an. "Ich bin gar nicht sicher, ob „Alles andere als ein Held“ nicht der beste Roman irgendeines heute lebenden deutsch schreibenden Autors ist" schrieb Sebastian Haffner 1962 und Walter Kempowski nannte Rudolf Lorenzen noch kurz vor seinem Tod ein Vorbild.

 

 

Hochgeladen: 23.10.2013
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Kategorie

Augenzeugenbericht

Zeitpunkt

09.05.1970 (geschätzt)
Einblick ins Milljöh. Dichterlesungen in Kreuzberg von Rudolf Lorenzen ist zunächst im Magazin Berliner Leben und zuletzt im Band »Hustenmary« im Verbrecher Verlag Berlin 2012 erschienen.

Ort

52.50129
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