Stadt im Wandel | Matthias Penzel, Jahrgang 1966

Realität inkl. Drama

Weil Ideen am meisten Drive haben, wenn man in Bewegung ist, kommen sie mir beim Gehen. Promenieren und Parlieren. Noch besser: Selbstgespräche im Auto. Gut geeignet ist die Avus am Rande der Stadt. Nicht nur Petrol-Heads erkennen das Layout: Sie ist pfeilgerade. Weil Rennautos im Kreis fahren, hat sie zwei -Turns. In dem einen befindet sich eine Raststätte, die für sicher drei Dutzend »Tatort«-Drehbücher gut wäre. Draußen eine winzige Tanke, Agip – fast wie auf der Hausstrecke von Ferrari. Dazu Sattelschlepper aus aller Welt. Ein Albaner mit Handtuch um den Hals kommt in die Gaststätte, deren Mobiliar aussieht wie in Jugendherbergen 1982. Verblichene Plakate verweisen halbherzig auf historische Ereignisse, neben Flyern für den EuroSpeedway Lausitz stehen Konservendosen mit Berliner Luft. Auch von 1982. Gefrühstückt wird wortlos. Alles Männer. Sogar die Toilettenfrau ist ein Mann.

Um die Streckenführung – konsequent wilhelminisch, perfekt in ihrer Sturheit – wickelt sich ein Spaghettiarrangement aus Zu- und Abfahrten. Irgendwann nach Dreilinden führen zwei Spuren nach Charlottenburg, links eine in die Stadt. Neon. Zivilisation, pochendes Leben. Der Audifahrer hinter einem testet sein Nebellicht, immer an/aus, an/aus. Zu der Aufgabelung fädelt sich, was einst zum Ersatzteillager geführt haben müsste; nun wohl die Ausfahrt aus der Raststätte, in die nur Ortskundige finden. Von dort rast nun ein Mini-Remake, überkreuzt die Ideallinie der Charlottenburger Motorkutschen... Fast hört man, wie der Mini-Auspuff, zitternd wie ein Pimmel, sprotzt. Rad an Rad neben einem Alfa, rot wie Blut, rot wie Hitze und Leidenschaft. Beide beschleunigen auf fast 7000 U/min, aus Angst vor Radar mit 88 km/h (inkl. 10% Toleranz). Neben der Spur in die City beginnt eine weitere. Der Mini versucht hier, innen!, zu überholen. Wie Villeneuve in Estoril! Hinter dem zylindrigen Avus-Motel, das wissen Benutzer der City-Spur, endet diese Spur, wird zum Kiesbett. Beim Alfatier steigt das Blut in den Kopf... Die beiden touchieren sich nicht, RTL-Reporter würden dies thematisieren – schon sind sie weg. Der eine, der mit dem Kühlergrill, bei dem Assoziationen zu säuberlich ausrasierter Schambehaarung aufkommen, rot vor Wut und Hitzköpfigkeit.

»Es ist halt, wie es ist«, würde der F1-Experte dazu sagen. Etwas in der Art raunt auch der Mann, der sich im Restaurant von Tisch zu Tisch schleppt. Kundenbefragung. Angesprochen darauf, dass das hier anderswo eine Kultstätte wäre wie Sun-Studios – komplett mit Fan-Shop, T-Shirts, Aufklebern usw. – winkt er ab. »Der Senat hat doch kein Geld.«

Auf dem Parkplatz, zwischen den wahren PS-Kings der Autobahn, liegen Fahnder der Polizei unter einem Lastzug. In Kleintransportern von Billigvermietern schweigen Halbseidene und ziemlich starke Typen. Ein Engländer, großgeworden neben Silverstone, schlecht frisiert, die Jacke gut gegen Regen aber nicht Kälte, kommt aus so einer Art Gebüsch und hält seinen Fotoapparat, als habe er dort wirklich nur harmlose Fotos geschossen, nämlich von der fast hundert Jahre alten Avus, konzipiert, um deutsche Maschinen wettbewerbsfähig zu machen. So anachronistisch wie Potsdamer Platz, ein kommerzielles Zentrum, das so wenig von Berlinern frequentiert wird, dass dort Filme in OV laufen. Und am Stadtrand übernachten für 45 Euro (inkl. Frühstück!) – wo sonst gibt es so was? Wenn der Engländer das seinem Vater erzählt, wird der das nicht verstehen – doch das ist es, was für Berlin spricht. Das ist der Grund, warum Berlin so gut geeignet ist für Macher und Trittbrettfahrer aus aller Welt, für Autoren – aber eben nicht Autorennen.

Hochgeladen: 23.10.2013
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Kategorie

Stadt im Wandel

Zeitpunkt

01.05.2008 (geschätzt)

Ort

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