Augenzeugenbericht | Michael Bienert, Jahrgang 1964

„Straßenrausch“

Das Buch hieß „Straßenrausch“. Mein erster Verleger drückte es mir in die Hand. Es erschien zwar nie ein Buch von mir in seinem Verlag, aber „Straßenrausch“ wurde mein Türöffner ins Feuilleton. Ich schrieb eine überlange Rezension und schickte sie, ohne zuvor jemals irgendwo gedruckt worden zu sein, gleich an mehrere angesehene Zeitungen. Der damalige „taz“-Literaturredakteur Arno Widmann biss an: Am 20. Oktober 1989 erschien der Essay unter dem Titel „Der Flaneur und seine Geschichte“ seitenfüllend in der „tageszeitung“.

So wurde die Kochstraße 18, heute Rudi-Dutschke-Straße 18, für mich zum Eingangstor in den Journalismus - wie für so viele Schreibtalente meiner Generation. Das Haus bleibt eine besondere Adresse für mich, auch wenn ich bald die Chance nutzte, für andere Zeitungen  zu schreiben, bei denen mehr zu verdienen war als bei der „taz“. Daher war ich ein bisschen erschrocken, als ich im September 2013 las, die Redaktion wolle raus aus dem Gebäude und in einen Neubau umziehen.

Die „taz“ überwies mir für den unverlangt eingesandten ersten Zeitungsartikel die stattliche Summe von 250 Mark. Zwei Monate später lag kommentarlos ein Scheck von der Neuen Zürcher Zeitung im Briefkasten: 500 Franken Ausfallhonorar für denselben Text. Einen Anruf, einen Brief aus der Schweiz gab es nie, dort las offenkundig keiner die „taz“.

Ich bemühte mich nicht um Aufklärung. Von den beiden Honoraren konnte ich damals mehrere Monatsmieten bezahlen. Ermutigender hätte mein Start-up in den Kulturjournalismus nicht sein können. Wie prekär das gewählte Geschäftsmodell war, stellte sich zum Glück erst später heraus.

Michael Bienert

Hochgeladen: 23.10.2013
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Kategorie

Augenzeugenbericht

Zeitpunkt

20.10.1989

Ort

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