Augenzeugenbericht | Björn Kuhligk, Jahrgang 1975

VERGISS DEN PANDA

Wir saßen in der Nähe des Schleusenkrugs im Tiergarten am Kanal und beobachteten die Ausflugsschiffe, die nahezu lautlos an uns vorüberglitten. Nach einer Weile erreichte uns ein überfüllter, mit Lichtern behangener Partydampfer mit Anzugträgern. Bei so was habe ich auch mal gearbeitet, sagte A., guck dir das mal an, zwei Prozent Frauen und die Männer können nicht reden, kein Networking, kein Small-Talk, die reden einfach nicht. Die angeheuerte Musik-Kapelle, die ausschließlich aus Männern bestand, trug Strohhut und pausierte gerade. Dann waren wir plötzlich in einer win-win-Situation. Das Licht durfte ausgehen, das Dunkel war dran, es wurde kühl. Auf der anderen Seite veranstalteten die Vögel in den meterhohen Zoo-Volieren einen Krawall, Seehunde riefen, zwei Reiher flogen fast lautlos über dem Wasser an uns vorüber. Heute, sagte ich zu A., hätte ich auf den U-Bahn-Monitoren gelesen, dass Bao-Bao, der älteste Panda des Zoos, mit 34 Jahren gestorben sei, und dass sie und ich und der Panda eigentlich der gleichen Generation angehören würden und dass die Einschläge immer näher kommen würden. A. machte ein Geräusch mit dem Mund, als würde jemand mit flacher Hand auf einen Quadratmeter Götterspeise schlagen und sagte dann: So ein Blödsinn, das ist ein Panda! Ja, sagte ich, aber den hat mir der Großvater schon vorgestellt, als wäre er der Anführer einer höheren Ordnung, herrjeh, das war der Bambus-Gott! Ein weiteres Ausflugschiff, ein Paddelboot, dann eine alternative Angelegenheit, deren Deck so aussah, als wäre bei der letzten Brücke ein Mülleimer darüber entleert worden. Das engumschlungene Paar, das zehn Armlängen weiter lag, begann leise zu stöhnen. Ein Trupp erwachsener Kinder flitzte auf Fahrrädern vorbei und der Anführer brüllte: Wir sind doch hier nicht im Puff. Dann war Stille. In die Stille sagte A.: Vergiss den Panda!

 

Björn Kuhligk, geboren 1975 in Berlin, lebt dort mit seinen Kindern und arbeitet als Buchhändler. Von 2002 bis 2006 war er Redakteur der Berliner Zeitung für Literatur lauter niemand. Von 2006 bis 2009 leitete er die Lyrikwerkstatt open poems der literaturWERKstatt Berlin. Er unterrichtet Schüler und Lehrer im Kreativen Schreiben. Seit 2011 schreibt er regelmäßig Glossen für die taz. Zuletzt erschienen von ihm die Gedichtbände Die Stille zwischen Null und Eins bei  Hanser Berlin (2013) und Ich habe den Tag zerschnitten / Es sagriezu dienu im hochroth Verlag (2013). Februar 2014 erscheint in Co-Autorschaft mit Tom Schulz Wir sind jetzt hier. Neue Wanderungen durch die Mark Brandenburg bei Hanser Berlin.

 

Hochgeladen: 25.10.2013
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Kategorie

Augenzeugenbericht

Zeitpunkt

05.12.2012
Diese Glosse wurde am 5. Dezember 2012 in der taz veröffentlicht.

Ort

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