Jahresplanung 2022 am Stadtmuseum Berlin

                       
Das Stadtmuseum Berlin verfügt aktuell über sechs Standorte in Berlin
Die sechs Standorte des Stadtmuseums Berlin (c) Stadtmuseum Berlin, Foto Michael Setzpfandt

„Easy Rider Road Show“ verlängert, Wiederöffnung der Museen Knoblauchhaus und Ephraim-Palais, Kunstherbst des Stadtmuseums Berlin, neue Freiflächen-Ausstellungen in BERLIN GLOBAL, grüne Saison im Museumsdorf Düppel sowie vielseitige digitale, hybride und analoge Angebote

Der Fokus der zurzeit sechs Standorte des Stadtmuseums Berlin liegt aktuell auf dem Betrieb unter Pandemiebedingungen, außerdem auf Schaffung diverser Angebote, auf Partizipation, Inklusion, Provenienzforschung sowie umfassenden Sanierungen.

2021 war ein ereignisreiches Jahr am Stadtmuseum Berlin: Mit BERLIN GLOBAL wurde im Humboldt Forum der insgesamt sechste Ausstellungsstandort eröffnet und zugleich der erste auf der touristisch stark frequentierten Museumsinsel. Gleichzeitig war der Betrieb des Stadtmuseums Berlin und seiner Einrichtungen von wenig planbaren Pandemiebedingungen geprägt. Dass so unterschiedliche Angebote wie im Museumsdorf Düppel oder in BERLIN GLOBAL einen großen Zuspruch erfuhren, bestärkt das Stadtmuseum Berlin, weiterhin diverse, partizipative und inklusive Konzepte, Angebote und Veranstaltungen zu kreieren und auszubauen.

Paul Spies, Direktor Stadtmuseum Berlin: „2021 haben wir unsere Ausstellung „Berlin Global“ mit völlig neuem Konzept im Humboldt Forum eröffnet, dieses Jahr können wir das Ephraim-Palais nach der Sanierung wiedereröffnen, wir beginnen die Sanierung im Marinehaus und werden das letzte Jahr Ausstellungsbetrieb vor den umfangreichen Sanierungen im Märkischen Museum erleben. Kurzum, es ist viel Bewegung beim Stadtmuseum. Das stimmt mich hoffnungsvoll, zeigt es doch, wie dynamisch wir agieren, damit wir uns baulich, konzeptuell und inhaltlich weiterentwickeln, um die Institution für die Zukunft aufzustellen.

Ausblick 2021: Wiedereröffnung von Ephraim-Palais und Museum Knoblauchhaus, Kunstherbst in den Museen Nikolaikirche und Ephraim-Palais, neue Freiflächen-Ausstellungen in BERLIN GLOBAL, publikumsnahe Angebote und wissenschaftliche Forschung im Museumsdorf Düppel, erste Sanierungsarbeiten im Marinehaus

„BERLIN GLOBAL“ im Humboldt Forum

Im Zuge der Partizipation und Einbindung der Stadtgesellschaft in all ihrer Diversität werden 2022 in der mehrjährigen Ausstellung „BERLIN GLOBAL“ im Humboldt Forum zwei weitere Freiflächen-Präsentationen eröffnet. Schon im Frühsommer wird „30 KG“ in Kooperation mit Burcu Argat und Izim Turan sowie sieben weiteren türkischen Frauen zu erleben sein. „30 KG“ beschäftigt sich mit dem Berliner Alltag – und der eigenen Identität als transkulturelle, transnationale Personen. Die Teilnehmerinnen reflektieren ihre eigenen Erfahrungen in Objekten und Texten und ziehen historische Bezüge zu türkischen Einwanderinnen der 1920er und 1930er Jahre in Berlin. Ein weitere Freiflächen-Präsentation wird im November eröffnet. Die Freiflächen sind drei Bereiche der Ausstellung „BERLIN GLOBAL“, die von Organisationen und freien Gruppen bespielt werden und unbekannte, aktivistische oder unterrepräsentierte Perspektiven und Themen sichtbar machen.

WELTSTUDIO in „BERLIN GLOBAL“

Im 500 Quadratmeter großen WELTSTUDIO werden vielseitige Workshops und Vermittlungsprogramme angeboten. Hier können sich Besucher:innen aller Altersgruppen auch ohne Voranmeldung über Berlin in der Welt und die Welt in Berlin austauschen und gemeinsam kreativ werden. Drei eigens dafür entworfene, raumgreifende Installationen, die sogenannten Kartographen, helfen dabei, die eigene „Kartographie“ und Zuordnung zur Welt neu zu betrachten.

Märkisches Museum

Die „Easy Rider Road Show“ im Märkischen Museum wird bis zum 29. Mai 2022 verlängert. Sie thematisiert das aktuell vieldiskutierte Thema „Mobilität“ am Beispiel des Fahrrads und stellt das Radfahren in den Kontext von subkulturellen Kunstaktionen und Jugendbewegungen. Gezeigt werden neben futuristischen „Radobjekten“ Arbeiten verschiedener internationaler Fotograf:innen. In Kooperation mit musuku – Museum für Subkulturen wird sie als Volume 2 einer interaktiven Sonderausstellung seit 13.November 2021 präsentiert. Volume 1 war mobil von 7. August bis 26. September 2021 an verschiedenen Outdoor-Orten in Berlin zu erleben.

[Werk]Räume – Museum mitgestalten

Im Zuge der im Masterplan 2025 formulierten programmatischen Vision für das „Stadtmuseum der Zukunft“ soll vom 1. Mai 2022 bis 30. Dezember 2022 die obere Ebene des Märkischen Museums als [Werk]Räume genutzt werden. Hier können Formate getestet und unter Einbeziehung der Wünsche und Bedürfnisse des Publikums weiterentwickelt werden. Die Räume zeigen jeweils exemplarisch, wie und mit wem das Stadtmuseum Berlin zu Themen der Berliner Stadtgeschichte und Gegenwart arbeitet. Während die [Probe]Räume auf derselben Ebene thematisieren, was ein Museum macht und zum Probieren auffordern, laden die [Werk]Räume dazu ein, die Planungen für das „Stadtmuseum der Zukunft“ kennenzulernen und Ideen mitzuentwickeln. Dabei soll an vorhandene Kooperationen, Formate, Projekte und Themen angeknüpft werden. Die Eröffnung ist als Startschuss zu verstehen, Präsentationsinhalte sollen während der Laufzeit wachsen und teilweise wechseln. Auf der Fläche gibt es Raum zum Fachaustausch, für ein begegnungsorientiertes Programm und direkte Teilhabe – eine wachsende Ausstellung, die vom Austausch und Mitgestalten leben soll.

Museums- und Kreativquartier am Köllnischen Park

Die baulichen Planungen für das Museums- und Kreativquartier, zu dem die Sanierung und Modernisierung des Märkischen Museums und die Herrichtung des benachbarten Marinehauses gehören, schreiten stetig voran. Für beide Projekte wurden Ende 2021 die Bauplanungsunterlagen bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eingereicht. 2022 beginnt im Marinehaus eine vorgezogene Baumaßnahme, in deren Mittelpunkt neben der Schadstoffbeseitigung die Entkernung des Gebäudes steht. Am 31. Dezember 2022 wird das von Ludwig Hoffmann 1908 errichtete traditionsreiche Märkische Museum für das Publikum geschlossen und anschließend für die Baumaßnahmen ab 2023 vollständig beräumt. Das Stadtmuseum Berlin plant, für das künftige Museums- und Kreativquartier auf der Basis seines 2021 vorgelegten Masterplans neue Zielgruppen zu erreichen und mittels eines Audience Development-Konzepts relevante Angebote für ein diverses Publikum zu schaffen. Darüber hinaus werden programmatische Prämissen und Leitlinien, die das Profil des Standortes prägen sollen, erarbeitet – u.a. in partizipativen Formaten, zu denen die Menschen dieser Stadt eingeladen werden.

Kunstherbst

Ab Oktober 2022 werden „Schätze“ der klassischen Moderne aus der Gemäldesammlung des Stadtmuseums Berlin in einem eigenen Raum in der Dauerausstellung der Berlinischen Galerie präsentiert. Außerdem widmen sich gleich zwei Ausstellungen des Stadtmuseums Berlin dem Spannungsfeld von Kunst und Revolution, indem sie die Auswirkungen auf künstlerische Prozesse im Umfeld und nach einer Revolution beleuchten. Sie sind ab September im Museum Nikolaikirche und ab Oktober im Museum Ephraim-Palais zu sehen. Damit erschließen sich bislang unbekannte Verbindungen der 1920er Jahre zur Wendezeit 1985-1995 und zu den gegenwärtigen 2020er Jahren. In diesem Zusammenhang ist auch in BERLIN GLOBAL das Wandgemälde der in Berlin und Kairo lebenden Künstlerin Hanaa El Degham zu sehen, die im Raum „Revolution“ der Berlin Ausstellung ihre Eindrücke aus dem Arabischen Frühling schildert.

Museum Ephraim-Palais

Die Ausstellung „Sanctuary Berlin. Paul van Ostaijen trifft Berlin – Berliner:innen treffen Paul van Ostaijen“ (Arbeitstitel) stellt im Rahmen des Kunstherbsts von Oktober 2022 bis 2. Januar 2023 den heute in Berlin noch eher unbekannten flämischen Künstler Paul van Ostaijen (1896-1928) vor. Damit wird das Museum Ephraim-Palais nach der 2020 begonnenen und nun abgeschlossenen Sanierung wiedereröffnet. Paul van Ostaijen fand zwischen 1918 und 1921 in Berlin Zuflucht und spielte eine wichtige Rolle in der Berliner Avantgarde. Beeinflusst vom Expressionismus und Dadaismus verfasste er hier unter anderem einen Gedichtband über die Besetzung Antwerpens durch die deutsche Armee im Ersten Weltkrieg. Anhand seiner Person, seiner politischen Haltung, seiner Freundschaften und Netzwerke zu Kunst- und Kulturschaffenden der frühen 1920er Jahre und seines literarischen und künstlerischen Schaffens in den Berliner Jahren beleuchtet die Ausstellung bisher weniger beachtete Facetten der Zeit des Aufbruchs und der für Paul van Ostajien enttäuschenden deutschen Revolution von 1918/19.

Museum Nikolaikirche

Im Rahmen des Kunstherbsts ist vom 16. September bis 20. November 2022 im Museum Nikolaikirche die Ausstellung „Aufbrüche Abbrüche Umbrüche. Kunst in Ost-Berlin 1985 – 1995“ geplant. Arbeiten von Ost-Berliner Künstler:innen aus den Bereichen Skulptur, Grafik, Fotografie und Malerei werden im Mittelpunkt dieser Kunstausstellung stehen. Zudem sollen in aktuellen Kurzvideos auch ausgewählte Künstler:innen und andere Zeitzeug:innen der damaligen Kunstszene in Video-Interviews zu Wort kommen und Einblicke in ihre Situation in der Umbruchsphase 1989/90 und den Jahren ersten danach geben. Das Projekt entsteht gemeinsam mit der Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank, die parallel eine Ausstellung zu ihrer herausragenden Sammlung vorbereitet.

Die aktuelle Ausstellung „Kunstraum Kraut – Variationen zur Auferstehung“ im Museum Nikolaikirche in der historischen Kraut-Kapelle wird bis Ende 2022 verlängert. Seit Mitte 2021 bietet sie ein Experimentierfeld: Anstelle traditioneller denkmalpflegerischer Lösungen werden Künstler:innen eingeladen, die Leerstelle des im Zweiten Weltkrieg zerstörten barocken Wandbildes in der Kraut-Kapelle mit zeitgenössischen Entwürfen zu füllen.

Zum 400. Jahrestag der Einführung von Johann Crüger als Kantor der Berliner Nikolaikirche feiert das heutige Museum Nikolaikirche vom 18. Juni bis 2. Juli 2022 den Komponisten mit einem ausgesuchten Konzertzyklus. Durch Crügers Wirken von 1622 bis 1662 und die damit verbundene erste Blütezeit der Musik an der Spree wurde erstmals auch in Berlin europäische Kulturgeschichte geschrieben. Drei hochrangig besetzte Konzerte sowie eine reich bebilderte, kulturgeschichtlich breit angelegte Publikation würdigen den Musiker.

Museum Knoblauchhaus

Nach der pandemiebedingten Schließung 2020 soll das Museum Knoblauchhaus im Frühsommer 2022 wieder eröffnet werden. Erstmals ist dann auch der schon seinerzeit fertig gestellte „Berliner Salon“ zu entdecken. Der Ausstellungsbereich widmet sich Karl Friedrich Schinkel und den Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt. Damit wird im historischen Knoblauchhaus bewusst eine thematische Brücke zum nahegelegenen Humboldt Forum geschlagen. Schinkels Produktdesign, die Reisen von Alexander von Humboldt und die Sprachstudien seines Bruders Wilhelm stehen dabei als Beispiele für den Wissens- und Kulturtransfer im sich rasant entwickelnden Berlin der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Vom 9. September bis 16. Oktober 2022 ist in dem historischen Gebäude zudem die Ausstellungsintervention „Friedrich Gilly (1772 – 1800). Das radikale Genie“ aus Anlass von dessen 250. Geburtstag zu erleben. Kern und Schwerpunkt des Projekts wird vom 9. bis 11. September 2022 eine wissenschaftliche Fachtagung mit führenden Architekturhistoriker:innen sein. Der im Alter von 28 Jahren verstorbene Friedrich Gilly galt bei seinen Zeitgenoss:innen als Künstlergenie und kommender Erneuerer der Architektur. Er war der Kopf der Berliner Architektenszene. Sein kompromissloses Werk stellt eine direkte Verbindung des europäischen Klassizismus zur modernen Architektur des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart her. Radikal wie kein anderer zielte er aufs Ganze: Baukunst wurde zur treibenden Kraft der gesellschaftlichen Erneuerung.

Museumsdorf Düppel

Das Museumsdorf Düppel erfreut sich in der grünen Jahreszeit eines großen Zuspruchs bei Besucher:innen. So war es beim ersten Museumssonntag im Juli 2021 der meistbesuchte Standort. Die Saison im Freilichtmuseum läuft 2022 vom 26. März bis 6. November, wie gewohnt mit einem vielfältigen Angebot sowie mit besonderen Ferienprogrammen. In diesem Jahr sollen, sofern möglich, auch wieder größere Veranstaltungen durchgeführt werden, wie zum Beispiel das Märkische Winteraustreiben, ein Osterfest, ein Fest der Bierkultur, ein Kinder- und ein Martinsfest. Spezielle Thementage führen außerdem in mittelalterliche Handwerkstraditionen ein. Das neue Format „Tage der lebendigen Geschichte“ führt an Pfingsten mit vielen Darsteller:innen die Besucher:innen auf eine Zeitreise in ein lebendiges mittelalterliches Dorf. Im wissenschaftlichen Freilichtlabor und Sammlungsort für immaterielles Erbe legen die Akteur:innen großes Gewicht darauf, das Museumsdorf als einen Ort der Begegnung zu etablieren, an dem aktuelle Themen wie Biodiversität, nachhaltiges Bauen oder naturnahe Textilherstellung partizipativ, wissenschaftlich und publikumsorientiert bearbeitet werden.

Dekolonisierung

Ab Februar 2022 wird die Kompetenzstelle für dekoloniale Museumspraxis am Stadtmuseum Berlin aufgebaut. Hierfür werden zwei neu geschaffene Stellen zentral sein. Sie werden sich einerseits mit der Untersuchung der Sammlungen der Stiftung Stadtmuseum Berlin auf koloniale Spuren befassen und andererseits gemeinsam mit dem Projekt Dekoloniale – Erinnerungskultur in der Stadt eine Ansprechstelle mit Beratungsfunktion implementieren, die andere museale Institutionen im Umgang mit Dekolonisierung unterstützen soll. Darüber hinaus soll ein Konzept zur Erinnerungskultur in der Stadt in Verbindung mit mehreren Akteur:innen und in Zusammenarbeit mit dem Verein Decolonize e.V. entstehen.
 
Sammlungen

Das Stadtmuseum Berlin baut in 2022 das Sammeln der Gegenwart Berlins weiter strategisch aus: Gesellschaftlich relevante, sammlungsübergreifende Themen werden identifiziert und das breit wahrgenommene partizipative Online-Archiv “Berlin jetzt!” fortgesetzt und erweitert. Im Bereich Wissenschaft knüpft das Stadtmuseum Berlin an die erfolgreiche Provenienzforschung der vergangenen Jahre an: Dank einer Förderung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste kann derzeit ein Konvolut von 50 Möbeln aus der Deutschen Reichsbank Berlin, das 1951/52 als Überweisung des Finanzministeriums der DDR an das Märkische Museum gelangte, wissenschaftlich untersucht werden. Eine thematische Erweiterung stellt die Erstsichtung der Sammlung des Stadtmuseums Berlin auf koloniale Spuren dar, die in 2022 mit Förderung des Landes Berlin fortgesetzt wird.
 
Ausbau digitaler Angebote

Nachdem 2021 eine Reihe von digitalen Führungen wie zum Beispiel ein 3D-Rundgang durch das Museum Nikolaikirche, eine Audiotour zu jüdischem Leben in Berlin oder, im Rahmen der Reihen „Backstage“ oder „Grenzerfahrungen“, eine Reihe von digitalen Veranstaltungen zu „BERLIN GLOBAL“ initiiert wurden, sollen auch zukünftig die digitalen Angebote verstärkt ausgebaut werden. Ziel ist es, neue Zielgruppen für die breit gefächerten Inhalte und Themen zu Geschichte, Kultur und dem Alltag in der Stadt zu erschließen und sie auch unter Pandemiebedingungen zugänglich zu machen.